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Wie ich Namen festlege

Das Vergeben von Namen für die Figuren eines Romans ist mal planvoll, mal zufällig. Gestaltung © fieberherz.de
Model © sinn-stock // Textur + Collage © FIEBERHERZ

Bei keinem anderen Projekt, sei es eine andere Romanidee oder eine Kurzgeschichte, habe ich so lange für das Festlegen der Namen weniger Figuren gebraucht wie bei meinem Romanerstling.
Woran kann das liegen?, habe ich mich gefragt. Zum einen sicherlich an so banalen Dingen wie Stress, Ablenkung, Unkonzentriertheit (hallo Uni-Prüfungen!). Aber auch eine gewissen Unentschlossenheit besonders anfangs hinsichtlich des Wann und Wo des gesamten Romans und der neuen, stringenteren Herangehensweise an das Projekt (= nicht warten auf Inspiration, sondern geplant hinsetzen und erabeiten).

Entscheidende Kriterien für die Namenswahl gibt es sicherlich einige und einige davon sind auch durchaus Ansichtssache. Dennoch will ich hier einmal meine persönlichen Eckpunkte auflisten, nach denen ich bislang arbeite und so auch bei diesem Projekt. Kritik und/oder Ergänzungen sind natürlich gerne gesehen, das habe ich mir ja nur selber so zurecht gelegt :)



1. Wann spielt die Geschichte?

Wenn man sich die Top Ten der Vornamen von 2013 und von 1880 nebeneinander legen würde (die gleiche Region mal vorausgesetzt), hätte man sicherlich wenige bis gar keine Übereinstimmungen. Und nur weil ich den Namen "Jordanus" mag, muss er für ein aktuelles Setting nicht automatisch glaubwürdig sein. Da helfen dann durchaus Webseiten mit Rankings aktueller Namen in verschiedenen Ländern oder auch, ja wirklich, End-Credits in Filmen.
Dieses Wann? ist ggfs. zu erweitern mit einem Wann wurde der Charakter geboren? - wenn ich jetzt von einem Unsterblichen schreiben würde, der im Mittelalter geboren und getauft ist auf "Jordanus", so mag er sich durchaus 2014 noch so nennen, wenn er meint und mag und kann.


2. Wo spielt die Geschichte?

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Französin mit urfranzösischen/-europäischen Wurzeln "Chloé" heißt, ist sicherlich höher als eine Namensgebung wie "Saanvi" (was indisch wäre). Dies ist soweit nachvollziehbar, wenn die Wohnregion auch die Geburtsregion ist. Daran schließt sich direkt aber der nachfolgende Punkt an.


3. Woher kommt der Charakter?

Geographisch/kulturell bedingte "Namen-Trends" kann ich als Autor durchaus umschiffen, wenn der Protagonist von ganz woanders herstammt. Aber auch hier sollte die Namenswahl zeitlich/kulturell plausibel bleiben. Außerdem sollte eine Erklärung, wenn sie nicht im Text erbracht wird, zumindest bei der Planung vorhanden sein (z.B. Einwanderung, Adoption etc. pp).
Ein anderes Woher? ist die Frage nach der gesellschaftlichen Herkunft eines Charakters. Eine "Isabella De Marchant et d'Ansembourg" ist vermutlich dem Klang nach einer edleren Herkunft als eine "Isabelle Müller". Die Hintergrundgeschichte kann natürlich dem ersten Anschein eines Namens Lügen strafen, aber dennoch verbinden wir mit gewissen Namen/Kombinationen eben bestimmte Eindrücke.


4. Klang als Hinweis auf Charakter(hintergrund)

Viele Vokale in einem Namen erwecken den Eindruck von Harmonie, wohingegen vermehrt Konsonanten eine harten, unnachgiebigen Klang haben. Dies berücksichtigt kann man tatsächlich Namen als erste Hinweise auf Charakterzüge und/oder Herkunft ihres Trägers nutzen. Nehmen wir ein Fantasy-Setting: Mal angenommen, ich hätte einen griesgrämigen, ältlichen Mann und daneben eine sanftmütige, junge Frau. Ich glaube, die Frage "Wen nenne ich Alaeria und wen nenne ich Zumlock?" beantwortet sich automatisch (und jetzt mal in gewissen Klischees gedacht), obwohl es diese Namen nicht einmal wirklich gibt.


5. Pseudo-Reime und Alliterationen vermeiden

Manche mögen das gerne, ich persönlich kann es nicht ausstehen: Karla Kolumna, Bibi Blocksberg... Damit will ich nicht die (heißgeliebten) Geschichten meiner Kindheit kritisieren, sondern diese Namen an sich. Gleicher Buchstabe an Anfang und/oder Ende bei Vor- und Nachname? Ein Graus! Das funktioniert für mich bei Kinderbüchern, aber darüber hinaus schon nicht mehr.


6. Unterschiedliche Namen der Charaktere

Stellt euch Liebesgeschichten vor, in denen die Paare "Max und Maria", "Ludwig und Luise" oder "Klaus und Karla" hießen. Mal abgesehen von der fehlenden Modernität in meinen Beispielen, ziele ich auf die Namensähnlichkeiten ab – die wären doch platt und langweilig, oder? Soetwas kommt bei mir zumindest nie vor. Ich lese mir sogar selber Namen von (geplanten) Pärchen und Freunden/Feinden laut vor, um Ähnlichkeiten im Klang zu vermeiden. Das ist zwar ein ziemlicher Kunstgriff, da so etwas im echten Leben durchaus vorkommen kann, aber meine Angst ist zu groß, mir Einfallslosigkeit vorwerfen lassen zu müssen... ;)


7. Ready for Spitzname?

Alle Charaktere bekommen, sofern möglich, Spitznamen von mir verpasst (auch wenn sie nicht immer Verwendung finden). Manchmal sogar mehrere, je nach Absender. Aber es kommt auch auf den Adressaten bzw. Namensträger an. Zumeist neigen eher Menschen mit engerer Beziehung zueinander dazu, Spitznamen zu vergeben und diese auch zu tolerieren. Ist die Beziehung keinesfalls eng, zeugt die Nutzung eines Spitznamens oder aber eben das Ablehnen eines solchen von gewissen Charaktereigenschaften und der Beziehung zueinander von Absender und Adressat. 
Kleines Beispiel: Ein ernster, verschlossener Krieger wird von allen respektvoll mit seinem Titel/Rang angesprochen. Dann tritt ein junges, fröhliches Mädchen in sein Leben, das anfängt, ihn bei einem Spitznamen zu rufen, den sie sich selber für ihn ausgedacht hat. Nun wissen wir schon, dass sie eher naiv, gutmütig, aber durchaus liebenswürdig zu sein scheint. Die Reaktion des Kriegers verrät mehr über seine Gefühle für sie: Entweder, er empfindet dies trotz ihres freundlichen Wesens als lästig und nervig - und es wird wohl irgendwann unangenehm zwischen den beiden werden. Vielleicht aber mag er sie insgeheim so gerne, dass er diesen Spitznamen nur bei ihr zulässt, ihn von jemandem anderen aber als respektlos empfinden würde.


8. Genre checken!

Gerade bei den Hauptcharakteren und bei gewissen Stereotypen überprüfe ich grob die Literatur desselben/ähnlichen Genres. Es ist zwar toll, wenn ich endlich weiß, dass mein Protagonist "Lestat" heißen soll, wenn es sich bei diesem aber z.B. um einen Vampir handeln sollte, kann ich das alles getrost vergessen (ein etwas stumpfes Beispiel, zugegeben)... mit schönen Grüßen an Anne Rice. So einen Check wünsche ich mir übrigens auch häufig für andere – wenn ich zum 1000. Male von einem bad boy namens "Damon", "Daemon", "Damion"... lese, bin ich als Leser doch etwas pikiert und befürchte gleich, dass die Story ähnlich "kreativ" wie die Namensgebung sein könnte (meistens trifft das meiner Ansicht leider zu).


9. Der Google-Test

Einen vollen Namen zu googeln mache ich eher selten, aber insbesondere bei ausländischen Namen kommt das durchaus vor. Irgendeine blöde Überraschung, nachdem ich schon angefangen habe zu schreiben (ich gewöhne mich schlecht an neue Namen, wenn ich davon ausging, passende gefunden zu haben), das muss nicht sein. Am Ende heißt irgendein Serienmörder / aktueller Politiker / Sportler / Schauspieler so...





Mein ganz persönlicher Tick, bevor ich diese Punkte überhaupt angehe, ist es, für jeden Charaktere Bilder aus dem Internet zu suchen, weil mir dann die Namensfindung leichter fällt und ich eine bessere Bindung zur noch vagen Figur entwickeln kann. Also erst Bilder, dann Namen, dann Hintergrund konstruieren. Geht das sonst noch jemandem so? Ich kenne niemanden sonst, der das macht. Kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, das wirklich als einzige zu tun :p

Und immer, wenn ich mich wieder verrenne in der Namenssuche, sage ich mir selber, dass ein Name alleine keine Garantie für eine glaubwürdige Figur ist. Wichtig ist und bleibt in meinen Augen ein nachvollziehbar handelnder, nicht allzu perfekter, aber auch nicht zu flacher Charakter - egal ob gut, böse oder irgendwie dazwischen.

Kommentare

  1. Ich finde es toll, wie strukturiert du denkst/schreibst/vorgehst, zumindest scheint es hier so. Das kann nur gut werden!

    Ich muss mir Fantasienamen ausdenken, und es ist echt interessant, wie unterschiedliche Buchstabenkombinationen wirken, andererseits auch total schwer, weil man sich wirklich nur am Klang aufhängen kann. Meistens fällt mir auch zuerst das Aussehen ein, dann zeichne ich sie, bevor ich ihnen Namen gebe :)

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    1. Danke sehr :) Und ja, so gehe ich tatsächlich vor, allerdings habe ich das noch nie aufgeschrieben und das "kanalisieren" war gar nicht so einfach... Deinen Optimismus bezüglich des Endproduktes hätte ich auch gerne, aber dann fasse ich das jetzt einfach mal als Ermutigung auf :p

      Fantasienamen finde ich auch sehr, sehr schwer. Man versucht etwas Einzigartiges zu erschaffen, obwohl die Gefahr groß ist, dass es den Namen schon irgendwo gibt (jedenfalls war das immer meine Angst, als ich mal reine Fantasy-Stories schrieb)... Bei einem früheren (nie beendeten...) Fantasy-Projekt hat es mir hinsichtlich der Namen geholfen, mir ausländische Sprachen vorzunehmen und grob zu analysieren, was dort Namen für Mann und Frau unterschiedlichen Standes o.Ä. ausmachen

      Aber wie cool ist es, dass du dir deine Charas zeichnen kannst :D? Was würde ich mir an Google-Bilder-Suchen-Zeit ersparen, wenn ich das könnte ;__;

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  2. Ich habe in aller Unschuld einen Charakter "Evan McGreggory" genannt. Weil ich im Prinzip mir Schauspielernamen nicht merken kann (und wenn doch, sie sehr selten auch wirklich einer Rolle zuordnen kann, mit wenigen Ausnahmen). Und weil ich, als die Namensgebung erfolgte, z.B. "Star Wars" noch gar nicht kannte (das war 2008). Ich wollte einfach nur einen Namen, der klischeemäßig typisch Schottland sein sollte... ^^
    Vielleicht darf ich den Namen behalten, aber ich bin mir dessen nicht sicher.
    Von daher kann ich den Punkt mit dem Google-Check gut nachvollziehen :D. DAS hätte ich auch 2008 gekonnt, immerhin konnte ich "häufige Vornamen in Schottland" und "häufige Nachnamen in Schottland" dort ja auch schon eingeben :'D

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    1. Haha, ich habe gerade mal "Evan McGreggory" gegoogelt und bekomme gleich alles von Ewan McGregor vorgeschlagen, inklusive des Star Wars-Films von 1999, wo er erstmals einen Jedi spielte :p Ja gut, er ist eben ähnlich, aber nicht gleich! Wenn es für dich ok ist, dass hin und wieder dazu Kommentare eintrudeln könnten, kann es dir dann ja egal sein, "Google-Test" hin oder her :) Ich persönlich finde es jedenfalls ungeheuer schwer mich von Namen zu trennen, mit denen ich bereits in Texten gerarbeitet habe :/

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