Die Protagonistin, die Liebe und die Glaubwürdigkeit.

2014/03/14
Gemeinsam oder einsam? Muss es überhaupt immer Liebe sein? Foto © fieberherz.de

Erin Day wird hauptsächlich diejenige sein, die sich durch BIRDKIN kämpft, dabei lebt, liebt, gewinnt und auch verliert. Sie wird Heldin und keine Heldin, Wasser und Stein zugleich sein. Will damit sagen: Wenn ich es schaffe, ist sie nicht ein Stereotyp, sondern wirklich eben einfach Erin Day, eine überaus menschliche Dame, obwohl sie nicht einmal ein Mensch ist. 
Das "Problem" an weiblichen Protagonisten ist jedoch häufig, dass scheinbar ein "Liebes-Happy-End" erwartet wird – gemessen an Häufigkeit solcher Kunstgriffe bei weiblichen Hauptcharakteren in vielen Romanen zumindest. Damit könnte ich generell dienen, mag ich aber gar nicht so sehr mit BIRDKIN. Es kommt ein bisschen darauf an, wie sich die Geschichte entwickelt und es kommt mir vor allem auf eines an: Glaubwürdigkeit.


Mich stört gelegentlich bis heute der unbedingte Willen mancher Autoren, die Protagonistin spätestens zum Schluss des Romans (und gerne ziemlich beiläufig) in eine Liebesbeziehung zu stopfen. Jegliche Motive der Geschichte vorher, um überhaupt irgendetwas zu tun, das sich als spannende Story las, verschwinden gerne in der rosarot getrübten Annahme, "trotz aller Verluste nun endlich die wahre Liebe gefunden" zu haben. Das ist zwar nett, und, zugegeben, die Romantikerin in mir bekommt glänzende Augen, aber zumeist ist es bei mir persönlich dann so, dass jegliche Bewunderung für die Protagonistin zu einem Großteil verpufft und das Buch gedanklich unter "Nullachtfuffzehn" einsortiert wird. 
Das hat vor allem damit zu tun, dass ich heute anders denke als früher. Ich glaube heute daran, dass nur, weil eine Frau als Protagonistin (idealerweise?) vielleicht mutiger handelt als andere, sie dafür vielleicht durchaus bewundert werden würde, so etwas wie Liebe aber nicht nachgeben muss, wenn sie nicht will (vielleicht, weil es von ihrer Seite eine andere Art der Zuneigung ist, sie Angst vor Bindung generell hat ect. pp.) oder z.B. aus Pflichtgefühl gegenüber einer "größeren Sache" heraus glaubt, das nicht zu dürfen. 
Überdies hat "Liebe" viele Gesichter und ist in ihrer angeblich "reinen" Form (Seelenverwandtschaft etc. pp.) doch eigentlich ungemein selten, oder nicht? Manchmal ist "Liebe" auch nur "Liebe", weil es gerade passt und nicht, weil sie "die Liebe" ist. Man kann sich an jemanden gewöhnen, es kann einen nach jemandem verlangen, es kann eine Besessenheit oder einfach nur Bewunderung sein, es kann sich um eine geistige und / oder eine körperliche Sache handeln, über lange Zeit hinweg oder einfach nur, weil sich gerade in einem Moment die Gelegenheit bietet. Und egal welcher Form eine Liebe angehört, so muss sie nicht immer stark genug sein, um innere und / oder äußere Konflikte unbeschadet zu überstehen. Von diesen verschiedenen Formen lese ich (gerade in Fantasy-Romanen) selten und hoffe, dass ich es schaffe, sie in BIRDKIN ein bisschen zu integrieren. 

Nachhaltig beeindruckt hat mich übrigens Magnificent Devices, ein 5-teiliger (leider viel zu wenig beachteter) Steampunk-Roman der Amerikanerin Shelley Adina. Die Protagonistin Claire macht eine deutliche Entwicklung von Mädchen zur Frau durch, von einfacher Lady hin zu einer Wissenschaftlerin und Abenteurerin. Man muss viel mit ihr durchstehen und wünscht ihr letztlich einfach, dass sie diesen einen Mann, der sie so sehr bewundert in jeglicher Hinsicht, lieben lernt. Und obwohl sie ihn tatsächlich auch liebt, entscheidet sie sich am Ende dafür, ihren Lebenstraum umzusetzen – fern von dem Mann, der verspricht, auf sie zu warten. Natürlich ist das auch ziemlich romantisch, aber es geht mir um das Prinzip: Ein starker Charakter überzeugt mich dann erst recht, wenn er sich entgegen aller anderen Konventionen treu bleibt. Selbst wenn man sich als Leser über dieses "Liebes-Happy-End" gefreut hätte, ist man mit Claires Entscheidung trotzdem "happy". Denn sie spricht die ganze Zeit immer wieder davon, sich diesen großen Traum zu erfüllen – und selbst "echte Liebe" hält sie davon nicht ab. Und ehrlich gesagt finde ich diese Art der Opferbereitschaft wesentlich mutiger und "sexier", als alle Träume zu begraben, um sich als Pärchen irgendwo niederzulassen, weil es das Umfeld unterschwellig "verlangt". Und verdammt, wie sexy wäre denn der Typ, der wirklich wartet? Aber auch hier kommt die Realität: Wahrscheinlicher ist es, dass der Kontakt irgendwann einschläft und sich beide anderweitig orientieren. Schön aber auch an dieser "Realität": Sie schließt nicht aus, dass die beiden tatsächlich wieder zueinander finden :) 

Man merkt jetzt vielleicht schon, dass ich also ohne Gefühlskram wohl auch nicht in BIRDKIN auskommen werde, aber das liegt daran, dass ich ihn als notwendig empfinde. Der Mensch kann nicht ohne. Eine Geschichte, in der etwas passiert, kann nicht ohne. Ebenso notwendig empfinde ich es für mich selber aber auch, es mir und den Hauptcharakteren dahingehend nicht zu einfach zu machen und sie glaubwürdig darzustellen – was auch immer das für das Ende bedeuten mag. 
PS: Kennt irgendwer noch David Eddings Belgariad-Saga? Eine Perle der Charakterdarstellung allgemein (und besonders im Genre Fantasy)! Das Buch ist 20 Jahre alt (und ich bin sogar älter, %&"#§!!), meiner Ansicht nach bis heute aber unerreicht in der Hinsicht.

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