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Du bist, was du jobbst?

Der Beruf einer Romanfigur fügt Attribute in Sachen Charakter und Sozialkontakte hinzu.  Foto © Jeff Sheldon // fieberherz.blogspot.de
Foto © Jeff Sheldon

Die Wahl des Berufes für meine Figuren empfinde ich als enorm wichtig - sie macht eine Figur glaubwürdiger (oder im schlimmsten Falle auch eben nicht) und hilft, sie in ihrem Charakter umreissen/darstellen zu können, ohne dies explizit erläutern zu müssen. Zwischen-den-Zeilen-Maßnahmen mag ich ungeheuer gerne.
Tatsächlich habe ich dem Thema früher nie wirklich Beachtung geschenkt und mehr aus dem Bauch heraus ausgewählt, was mir für eine Figur passend erschien. Oftmals habe ich mich davon leiten lassen, was ich mir selber vorstellen könnte auszuüben oder zumindest wünschte, dass ich es könnte. Vielleicht, weil es dann mehr Spaß machte, darüber zu schreiben, das Schreiben an sich also leichter von Hand ging.
Mittlerweile glaube ich aber, dass man abwägen sollte, ob bei der Berufswahl zu sehr persönliche Vorlieben reinspielten und dies der Glaubwürdigkeit der Figur Abbruch tun könnte. So setze ich das auch für BIRDKIN um, besonders wichtig natürlich die Hauptfiguren, deren Leben unter stärkerer Beobachtung und Beurteilung durch den Leser stehen.


Ich versuche einmal die Gesichtspunkte darzustellen, die bei meiner Berufswahl für meine Figuren und der Recherche dazu eine Rolle spielen. Manche Dinge musste ich etwas eindimensional darstellen, um die Kriterien zu verdeutlichen. Außerdem ein kleiner Hinweis: Den unten aufgelisteten Fragen gehe ich nicht bei jeder Figur nach, sondern nur dort, wo es der Glaubwürdigkeit und/oder der Geschichte zuträglich ist - besonders also bei den Hauptcharakteren beispielsweise.

Eigentlich ist das auch noch nicht alles, wie ich beim Schreiben bemerken musste, aber irgendwann muss dieser Post auch mal ein Ende finden ;) Sollte ich etwas Wichtiges vergessen haben, freue ich mich dennoch über Ergänzungen!


Notwendigkeit

Ist ein Beruf notwendig für die Figur, oder wird sie vielleicht anderweitig finanziell unterstützt (z.B. reiche Eltern, Partner, Erbschaft usw.), sodass die Ausübung einer Tätigkeit nicht notwendig wäre? Oder wird nichtsdestotrotz einem Beruf nachgegangen? Wenn ja, aus welchen Beweggründen (wenn schon nicht aus finanziellen)?
Wenn ein Beruf wichtig ist, was würde bei dessen Verlust passieren? Würde andere Personen unter den Konsequenzen leiden (z.B. Kinder, pflegebedürftige Familienmitglieder) oder nur die Figur? Hätte sie andere Jobs zur Auswahl?


Beanspruchung

a) Beruf erfordert körperliche Kraft

Hier sollte der Charakter im Idealfall kräftig sein, zwingend intelligent vielleicht nicht. Eine gewisse Bauernschläue ist aber dennoch von Vorteil und kann ihn von anderen Arbeitskollegen herausstechen lassen. Hat die Figur eigentlich nicht viel Kraft, ist eine lange Zukunft in diesem Berufsfels unwahrscheinlich. Hier ist interessant, warum eine Figur dann diesen Beruf dennoch freiwillig (ider nicht freiwillig?) ergreift und auch ergreifen konnte.
Je nachdem, mit welchen Geräten und in welcher Umgebung der Beruf ausgeübt wird, kann sich dies stark auf das Erscheinungsbild und Fähigkeiten der Figur auswirken (Jobs an der Luft bedeutet z.B. eher gebräunte Haut; typische Verletzungen/Narben bei gewissen Werkzeugen, ein Beruf in großer Höhe bedeutet wahrscheinlich, dass der, der ihn ausübt recht schwindelfrei ist etc. pp.).

b) Beruf erfordert viel Denkvermögen

Mehr als Cleverness ist in diesem Falle schon hilfreich, denn auf Dauer ist eine große Lernfähigkeit, Lernbereitschaft und zumindest eine gewisser Begeisterung für theoretische Dinge gefragt - mal ganz abgesehen von einem bereits vorhandenen Wissen. Ist man auf dieser Position, muss man nicht maßlos trainiert sein, hält man sich eher in Gebäuden auf, könnte man auch zu eher blasser Haut neigen usw. 
Auch hier ist interessant zu sehen, wenn eine Figur diesen Beruf trotz eventueller Überforderung ausübt - und diesen Mangel ausgleicht. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise, durch "Vitamin B" an den Job gelangt zu sein und eigene Unzulänglichkeiten versucht zu vertuschen (als Chef z.B. durch tyrannisches Auftreten, als einfacher Mitarbeiter vielleicht durch Betrug etc.).

c) Beruf erfordert Koordination und Feingefühl

Wenn man an etwas wie den Beruf des Uhrmachers denkt, muss man hier weder hochmathematische Probleme lösen, noch etwas Schweres durch die Gegen schleppen. Stattdessen muss man hier eine gute Auge-Hand-Koordination besitzen, Geduld, Feingefühl und ein gewisses technisches Verständnis. Wer sich sonst als ungemein ungeduldiger und jähzorniger Mensch zeigt, wäre hier wohl nicht richtig. Vielleicht aber liegt auch hier das einzige Feld, in dem ein solcher Jemand zur Ruhe kommt, während ihn alles andere aufregt?

d) Beruf erfordert Teamarbeit

Praktisch ist hier, wenn man gerne und gut mit anderen Menschen zusammenarbeitet. Tut man das nicht, wird man schnell als "komisch", "miesepetrig" oder gar "egoistisch" abgestempelt. Auch hier eine wunderbare Möglichkeit, eine Figur charakterlich zu umreissen. 

e) Beruf erfordert Alleinarbeit

Idealerweise mag die Figur es, nicht ständig von anderen Menschen umgeben zu sein. Auf der anderen Seite kann es aber auch unfreiwilligerweise der Fall sein, dass sie viel alleine machen muss - vielleicht, weil beispielsweise der Chef einen "fertigmachen" möchte? Oder weil kein anderer Job zur Auswahl stand oder vielleicht so gut bezahlt wurde? Dann ist man alleine natürlich schnell unglücklich und benötigt Durchhaltevermögen - oder man bricht zusammen, was ein starker Bezugspunkt in einer Geschichte sein könnte.


Arbeitsumfeld

a) Arbeitskollegen

Herrscht ein gutes Arbeitsklima? Werden alle Kollegen gleichermaßen mit einbezogen, oder ist es möglich, sich wahlweise zu isolieren? Das Verhalten der Figur gegenüber den Kollegen zeigt auch ohne die Verwendung wörtlicher Rede oder Beschreibungen durch Adjektive, wie sie tickt. Halten alle zusammen, nur die Figur zieht sich zurück? Dann entsteht typischerweise Gerede und die Isolation wird verstärkt. Versucht die Figur nun gegenteilig, dazu zu gehören? Hier kann man es gelingen lassen als Autor, oder die Figur als lediglich "bemüht" hinstellen. Oder ist die Fassade doch so gut, dass sie niemandem auf der Arbeit auffällt?

b) Arbeitsplatz

Ist es auf der Arbeit sauber bis steril oder unordentlich bis dreckig? Hier spielt das Setting eine Rolle, ebenso der Beruf an sich und unter Umständen die (fehlende?) Disziplinierung durch die Vorgesetzten. Interessant ist es auch zu beleuchten, wie die Figur zu dem Erscheinungsbild steht - vielleicht ist ihr eine sterile Umgebung sehr unheimlich, vielleicht fühlt sie sich gerade darin wohl? Dieselben Gedanken gelten für einen heruntergekommenen Arbeitsplatz.


Perspektiven

a) Es gibt Aufstiegsmöglichkeiten.

Wenn es sich beispielsweise um ein größeres, gut strukturiertes Unternehmen handelt, gibt es häufig Aufstiegschance. Üblicherweise versuchen natürlich mehrere Kollegen, diese auch zu ergattern. Geht es der Figur ebenso? Oder begnügt sie sich mit ihrer Position?

b) Es gibt keine Aufstiegsmöglichkeiten.

Dieser Beruf ist die letzte Station - wenn man ihn nicht wechselt. Liegt das an dem Unvermögen der Figur zu einem Wechsel/Umstieg oder an ihrer Umgebung, die keine anderen Möglichkeiten bietet?

Wahrnehmung im Umfeld

Wie viele Menschen im Umfeld der Figur wissen, welchen Beruf sie ausübt? Heißen sie die Berufswahl gut oder überlassen sie die Entscheidung ohnehin alleinig dem Freund/der Freundin? Wie reagiert die Figur auf Versuche, sie zu einem anderen Beruf zu überreden oder aber auch Gleichgültigkeit oder gar Unwissen darüber?


Bezahlung

a) Beruf ist sehr gut bezahlt

Vermutlich kann sich die Figur einiges an Extras leisten - wofür gibt sie das Geld aus? Für ein Hobby? Oder wird liebe gespart?

b) Beruf ist mäßig bis schlecht bezahlt

Kommt die Figur mit dem geringen Einkommen aus, oder nimmt sie sich noch Nebenjobs? Würde sie gerne etwas an der schlechten Bezahlung ändern oder würde sie sich nicht trauen, deswegen "aufzumucken"?


Beruf vs. Vorstellung

Kann sich die Figur vorstellen, den Beruf bis ans Lebensende auszuüben? Oder hat sie beruflich andere Träume, die es immer noch umzusetzen gilt? Wie realistisch ist die Erreichung dieses Traums?



 


So, das war jetzt erst einmal eine Menge zum Verdauen! Ich habe wirklich versucht, dem ganzen sinnvolle Einteilungen zu verpassen und musste, wie ich schon eingangs schrieb, dann doch feststellen, dass es einfach noch viel mehr zum Aufschreiben gäbe. Aber ich lasse das alles hier so jetzt mal stehen. 
Um übrigens noch kurz auf die Titelfrage zurückzukommen: Meiner Ansicht nach "ist" man nicht sein Beruf, denn das würde doch irgendwie bedeuten, dass man sich immer mit seiner Tätigkeit identifizieren kann. Das ist schon alleine dann nicht der Fall, wenn es nur ein "Not-Job" zum Überleben ist, der nicht gefallen, aber eben Geld abwerfen muss. Kurz und knackig würde ich also die Fragen beantworten: "Du bist nicht dein Job, aber der Job zeigt früher oder später, wer du wirklich bist".

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