Die Revolution ist vorbei

2014/07/06

Foto © theswedish

Es gibt die unterschiedlichsten Dinge, die einen inspirieren können. Bei mir waren das schon immer meine Träume, die sehr, sehr unterschiedlich, vielfältig und insbesondere intensiv waren / sind. Einer dieser Träume enthält Gedanken und Gefühle, die ich bis heute nicht vergessen kann, obwohl er mittlerweile fast sechs oder sieben Jahre alt ist. Ich habe versucht, das, was ich in diesem Traum sah und empfand, obwohl ich nicht ich selbst war, hier zu verschriftlichen. Denn ein bisschen wird davon auch in BIRDKIN einfließen - nicht genau so, aber ein wichtiger Punkt in diesem Buch ist stark davon inspiriert.


"Hier jedoch, an diesem Ort (...), war alles verstummt. Und zwar nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart."




Sie ließ die Haustür hinter sich ins Schloss fallen und machte nur zögerlich Schritte in die Wohnung hinein. Allem hier haftete eine Stille an, die den meisten sicherlich unangenehm wäre. Kein Laut kam hinein, obwohl da draußen doch alles so lebendig war. Die Vögel zwitscherten, die Sonne schien, es warteten Menschen draußen auf sie. Hier jedoch, an diesem Ort, der sich vor Ewigkeiten wie ein Zuhause anfühlte, war alles verstummt. Und zwar nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart.
Ihre Finger strichen über einen Tisch und zogen Linien in den Staub. Ihr Blick glitt über die wenigen Möbel im Wohnzimmer und Erinnerungen bedrängten ihre Gedanken und ihr Herz. Wie ruhig ihr damals das Leben hier vorkam, wie sehr sie versucht hatte, auszubrechen. Und als sie in ihm nicht nur Liebe, sondern auch die Inspiration fand, sich gegen alles aufzulehnen, statt nur einfach zu fliehen, ließ sie das alles hinter sich. Für eine gute Sache und ein Leben, dem sie die Sicherheit opferte. Weil es ihr so erschienen war, als sei es die einzig richtige Weise, ihr Leben zu leben.
Und was hatte sie nun von diesem Aufbruch, von dem Loslassen? Sie hatten gemeinsam mit anderen einen Kampf geführt für die Wahrheit und kamen dem Tod dadurch näher, als wenn sie Teil einer gesellschaftsfähigen Unbekümmertheit und Ignoranz verblieben wären. Und nun überlegte sie, dass, würde sie hier Fotos all derer aufhängen, die starben für diese Sache, sie wohl alle Wände bedecken könnte. Vor ihrem geistigen Augen huschten Gesichter vorbei, sie lachten und weinten, manchmal dabei im Sterben begriffen. So viele Leben. War sie es nicht gewesen, die alle um sich geschart hatte? Aufgerufen hatte dazu, genauso wie er, genauso wie sie selber, alles aufzugeben, um für das Richtige, das Gute zu kämpfen. Um den Krieg zu gewinnen für das Recht, ein Leben ohne Kampf zu führen. Für die Zukunft. 
Diese Zukunft lag nun in greifbarer Nähe. Und doch hatte sie sich nun an diesen Ort begeben, von dem sie manchmal überlegt hatte, ihn irgendwie… zu entstellen, ja, vielleicht sogar niederzubrennen. Aus Wut über verschwendete Jahre. Die Zeit, verloren an Bewusstlosigkeit. Sie war nicht sie selbst gewesen. Dann aber war sie durch ihn aufgewacht, hatte lieben, leben und kämpfen gelernt, einen Krieg entfacht und ihn… gewonnen? Jetzt hier zu stehen, zwischen den Wänden ihres alten Lebens, machte sie unsicher. Und sie war froh, dass niemand sie sehen konnte. Denn sie stand da, sie, die Menschenmassen begeistert hatte, begeistert dafür, zu kämpfen, ihr Leben zu lassen und weinte in die Stille. Weinte um die Toten, aber von allen wohl am meisten um ihn. Und das andere Leben, das sie hätten führen können. Nämlich jenes, in dem sie ihn nicht verlor. Vielleicht mit Kindern. Lachend. Ohne Furcht. Unwissend.





Das war der Text dazu - viel mehr gab der Traum leider nicht her und ich mochte nichts hinzu dichten (nicht einmal einen Namen für die Frau, aus deren Sicht ich den Traum erlebt habe - es kam auch im Traum keinerlei Namen vor), nur um das Ganze sinnvoller, interessanter usw. zu machen. Träume sind eben unter Umständen merkwürdig in ihrem Verhältnis von Faktoren wie (gefühlter) Länge, Intensität und Logik.
Es ist schwierig, für mich praktisch unmöglich, mit Worten adäquat heranzukommen an das, was ich im Traum sah und fühlte. Dieser Text kann daher leider nur bedingt die Fülle an Eindrücken wiedergeben, die in dieser kurzen Sequenz auf mich einprasselten. Und sicherlich sind ein paar Details mit den Jahren verloren gegangen. Eines weiß ich, neben dem, was oben geschrieben steht, aber ebenfalls noch ganz genau: Nachdem ich aus diesem Traum aufwachte, war mir wirklich zum Weinen zumute. Denn ich spürte dieses Gefühl der Leere und Trauer nach einem großem Verlust so deutlich, als ob dies hier meine Geschichte wäre.
   
Kommentare zu "Die Revolution ist vorbei"
  1. Hallo Steffi,

    dein Traum ist sehr beeindruckend, auch wenn man in Worten schwer das treffen kann, wie es im Traum war. Ich hatte auch mal einen ähnlichen Traum, das ist bestimmt auch schon sieben Jahre her, an den ich mich immernoch erinnern kann, weil er so extrem war. Ich weiß nicht mehr genau, worum es ging. Da war glaube ich ein Mädchen in einem Wald, wo ein sehr altes Holzhaus stand und sie wurde verfolgt und ist vor jemandem weggerannt. Auf jeden Fall war die Angst in diesem Traum überall, und die "Kameraperspektive" war wie in einem Horrorfilm. Immer nur schnelle, kurze Bilder, wie hektisches Umgucken.

    Träume sind manchmal wirlich verworren, aber ich finde es gut, sie aufzuschreiben, manchmal fällt einem dann noch etwas ein, was man vergessen hatte. Leider bin ich noch nie durch einen Traum auf eine Geschichte gekommen, die ich dann selbst zu Ende geschrieben habe. Aber ab und zu hatte ich schon Teilstücke und das reicht ja manchmal schon als Inspiration =).

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    1. Solche Träume, die von Angst geprägt waren hatte ich leider auch schon viele :( Das ist u.a. einer der Gründe, warum ich keine Horror-Filme schaue - einfach, damit ich meinem Unterbewusstsein nicht noch mit Bilder füttere... ;)

      Träume sind schon eine feine Inspirationsquelle! So gesehen habe ich jetzt auch noch nichts Großes fertig geschrieben, das von einem Traum inspiriert war, aber zumindest Kurzgeschichten. Leider träume ich immer weniger, das ist so traurig :(

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