"Sind deine Projekte plot- oder character-driven?"

2014/08/19
Montagsfrage für Autoren von Schreibwahnsinn, nach einem Konzept von Paperthin.


Endlich gibt's wieder eine Montagsfrage! Dieses Mal inklusive Englisch, aber dabei immer noch relativ selbsterklärend. Übersetzt lautet die Frage aber soviel wie "Stehen Plot oder Charaktere im Vordergrund deiner Projekte?".
Meine Übersicht für die Heldenreise – nicht zum sklavischen Abarbeiten, sondern vielmehr als Wegweiser. Foto © Steffi Koch // fieberherz.blogspot.de
Kein Projekt, egal ob kurz oder lang, habe ich so stark geplant wie BIRDKIN. Dabei gibt es sicherlich noch Autoren, die mehr planen, aber für meine Verhältnisse tue ich das bei diesem Projekt in dem größten Ausmaß bislang. Sich dazu zu entschließen fiel mir anfangs nicht leicht, denn ein bisschen machte dieser Schritt mir Angst. Ich befürchtete, dass der Roman und insbesondere seine Charaktere, bei einem Zuviel an Planung, Authentizität und "Seele" verlieren könnten. Ich befürchtete, dass ich mehr über Hintergründe und den Weltenaufbau erzähle, als dass ich agieren lasse. 
Diese Befürchtungen wurzeln darin, dass ich früher praktisch gar nicht plante. Am Anfang stand eine vage Idee, die beim Schreiben wuchs. Ich schrieb, wann immer mich die Muse küsste und ließ mich sehr stark von meinen Charakteren durch die Geschichte treiben, im Vordergrund dabei immer die Entwicklung des / der Protagonisten. 
Da das Schreiben wie nun geschildert zwar Spaß machte, aber in Zeiten von Studium und Beruf kaum durchführbar ist (ohne extrem geringe Fortschritte in Kauf nehmen zu müssen), entschied ich mich bei BIRDKIN dazu, mehr zu planen. Dabei erlaube ich mir, auch etwas "nachlässig" mit der Aufwändigkeit dieser Planung zu sein, um den Charakteren Freiräume zu lassen. Egal, wie viel Arbeit ich mir mit dem Plot und der Recherche dazu mache, soll sie nicht die Charaktere an sich in ihrer Entwicklung hemmen, die ich grundsätzlich zeigen möchte. Das heißt, ich plane nur grob vor, was den Verlauf angeht (anhand der 12-stufigen Heldenreise, bin aber momentan nur bei weniger als der Hälfte des Buches - siehe Bild) und lasse den Rest die Charaktere machen. So behalte ich mir einen gewissen Schreibfluss bei, muss nicht völlig das Abenteuer missen, das sich Zeile für Zeile vor mir entfaltet und verhindere (hoffentlich!), dass scheinbar die Geschichte wichtiger wäre als die Figuren. 
Schlussendlich kann man sagen, dass die Geschichte an sich mit ihren Details mir sehr wichtig ist, aber die Entwicklung der Charaktere doch im Vordergrund stehen soll. Ich hoffe, dass bei diesem ungewohnten Ausmaß an Planung diese Sichtweise auch beim "Endprodukt" erkennbar bleibt!
Kommentare zu ""Sind deine Projekte plot- oder character-driven?""
  1. Hi,

    Ich find es immer wieder erstaunlich, wenn Schreiber etwas planen. Ich selbst kann es nicht so gut. Liegt vielleicht auch daran, dass ich nicht chronologisch vorgehe, sondern erst Szenen schreibe, die mir in den Sinn kommen. Höchstwarscheinlich liegt es daran und daran, dass ich es nicht veröffentlichen möchte.
    Klar, im Hinterkopf hab ich auch immer, es mal zu beenden, aber Planen macht mir keinen Spaß, wenn es nur um das Stukturieren eines Kapitels geht.
    Für mich gibt es einen Kernpunkt und wie es in einer Szene oder einem Kapitel enden soll. Ich lass natürlich den Charakteren auch ihren Lauf, aber das Ende, dass mir vorschwebt muss erreicht werden, denn sonst verlauf ich mich in einem Handlungsstrang und rutsche in etwas hinein, dass mich blockiert.
    Bis zu deinem Eintrag wusste ich nicht, dass es eine Vorgabe gibt, wie ein Held agiert D:
    Und ich stelle fest, dass meine "Heldin" nichts davon macht.
    Sie ist auch keine Heldin. Sie ist nur jemand auf der Flucht vor der eigenen Schwester... und dummerweise weiß ich wie das ganze ausgeht :/
    Kurioserweise kenne ich das Ende immer vor dem Anfang :D

    Ich liebe es wenn Leute, wie du hier, Notizen zeigen. Da steh ich total drauf, weil ich merke, ich mach es ganz anders und da mal zu sehen, wie es ein anderer handhabt fasziniert mich. (Die Handschrift ist btw ziemlich schick)

    Nochmal zurück zur Planung.
    Ich plane meines erachtens viel, wenn es nur um die Welt an sich geht. Wie Völker oder Stammbäume und ich liebe es Karten zu zeichnen *_* da geht mein Herz auf.
    Wenn ich doch auch nur beim Schreiben so viel Energie zeigen könnte...

    Ich frage mich ja auch immer, wie sich ein Buch verhält, dass vollkommen überplant ist. Merkt man es oder fällt es einem gar nicht auf.

    Grüßle :)

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    1. Hi RaMonstra,
      ich finde total erstaunlich, dass du das Ende meistens schon vorher kennst. Das muss doch genial sein, oder? Ich habe meistens nur die Idee zu einer Geschichte, aber weiß fast nie das Ende. Ich schreibe Geschichten deshalb auch fast nie zu Ende. Denn genau das ist es ja, was mir fehlt. Ich finde das auch extrem schade. Aber wie kommt man denn auf das Ende? Mir fällt da einfach nie was ein...

      Gruß, Leanna

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    2. @RaMonstra
      So aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass wir uns da nicht sooo sehr unterscheiden - ich habe gewisse Kernpunkte, auf die etappenweise hinzu gearbeitet wird, komplett ausufern lassen möchte das Ganze nun auch nicht. Und das Ende ist mir hier grob auch schon klar, wenngleich ich mich nichtsdestotrotz auch gerne überraschen lasse von der Dynamik, die Charaktere irgendwann entwickeln können :)

      Die Heldenreise kannte ich vorher auch nicht und habe sie erst beim Lesen diverser Schreib-Blogs entdeckt. Ich kann auch nicht sagen, ob ich sie komplett übernehmen werde, weil ich, wie ich ja schon schrieb, soviel Planung nicht gewohnt bin und den Charakteren Raum lassen möchte. Erin soll charakterlich auch keine typische Heldin sein, aber da gibt es noch ein paar Details, die da wichtig sind, die mag ich jetzt auch nicht verraten :) Die Heldenreise ist für Erin eigentlich fast schon zu linear. Dann ist es schon gut, typische Stationen einer Heldenreise zu haben - wenn ich mag, kann ich sie dann nämlich auch mal schön das Gegenteil tun lassen :p

      Das Drumherum plane ich auch ungeheuer gerne und ehrlich gesagt sitze ich immer noch zu lange dran. Aber ich kann nicht alle meiner Fehler direkt ausmerzen, haha :p

      @Leanna
      Das Ende nicht zu kennen, kann ich auch nachvollziehen, kenne ich noch von alten Projekten. Daher zog ich oft Kurzgeschichten vor, damit ich nicht eben diesen Frust schieben musste mit größeren Projekten. Ich weiß auch nicht, warum das mal so und mal so ist... Ob ich durch das Mehr an Planung dieses Mal eher schon das grobe Ende für BIRDKIN kenne? Oder ist das nur Zufall? Vielleicht fällt mir irgendwann eine gute Erklärung für dieses Phänomen ein...

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  2. Hi Leanna,

    Das Ende kenn ich deshalb, weil es für diese Figur immer vorgesehen war. Bei anderen Geschichten sind die Enden auch beabsichtig, deshalb muss es schon existieren, weil ich sonst nicht wüsste, worauf eine Geschichte zugehen soll.
    Wenn ich nicht das Ende kenne, brauch ich selbst nicht anfangen zu schreiben.

    So geht es natürlich nicht jedem. Es gibt genau gut Schreiber, die einfach anfangen und so lange schreiben, bis sich ein Ende einleutet.
    Ich persönlich arbeite auf Bad Ends zu, weil ich Happy Ends nicht schreiben kann. Lesen tu ich sie gerne, aber schreiben... eher nicht. Mir fehlt da dann etwas.

    Wie man darauf kommt?
    Hm, wie gesagt, bei mir ist für diese und jene Figur ein Ende vorgesehen und darauf läuft es hinaus.
    Wenn du eine Idee hast zb auserwählte Person A findet Freunde und Artefakt B. Was tut er damit:
    - zerschnettert Armee C und lebt glücklich und zufrieden
    oder
    - setzt er es zum eigenen Nutzene in und zerstört die Welt um?
    da kann dir die Heldenreise
    http://de.wikipedia.org/wiki/Heldenreise

    Dumm ist nur, wenn man das Ende kennt, vor allem, wenn es böse ausgeht, dann versucht man es zu vermeiden jemals dort anzukommen, weil einem die Geschichte und die Figur sehr ans Herz gewachsen sind.

    Ich weiß nicht, ob es verständlich ist, aber ich denke, ohne das Ende nicht wenigstens grob zu kennen, wird man eine Geschichte auch nicht beenden können.

    Gruß

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    1. Dumm ist nur, wenn man das Ende kennt, vor allem, wenn es böse ausgeht, dann versucht man es zu vermeiden jemals dort anzukommen, weil einem die Geschichte und die Figur sehr ans Herz gewachsen sind.
      So geht es mir nicht (spannend, wie das bei jedem ander ist :) )... Sehe auch ein Bad End als Abschluss an, teilweise sogar als die einzig wirkliche Erlösung! Ich finde da HdR III sehr schön - auch wenn da jetzt nicht das ultimative Bad End stattfindet. Aber ein gemarterter Frodo, der glücklich sein altes Leben lebt, als wäre nie etwas gewesen? Wie erleichtert atmete ich im Kino auf, als er aufbrach zur letzten Reise mit den Elben und sich gegen das Mainstream-Happy End entschied!
      Und an diesem Beispiel sieht man, wie ich finde, auch den Vorteil daran, das Ende zu kennen: Man kann nämlich dramaturgisch so arbeiten, dass der Leser/Zuschauer *glaubt*, das Ende zu kennen - und ihn dann mit einem schönen Twist noch eines Besseren belehren. Aber ist sicherlich Geschmackssache. Stehe aber ungeheuer auf sowas :)

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  3. Jetzt, wo das Thema so formuliert ist, fällt mir erst auf, dass ich sehr gerne Bücher lese, die character-driven sind. Ich habe vorher noch nie wirklich darüber nachgedacht oder dieses Wort dafür gehabt, aber ich habe viele Bücher, bei deren Beschreibungen ich zu Beginn immer denke "Naja, so viel passiert eigentlich nicht...". :D

    Sehr interessant zu lesen, dass du den Verlauf deiner Geschichte sogar richtig geplant hast.

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    1. Dem kann ich mich nur anschließen, lese auch lieber solche Stories :)

      Sehr interessant zu lesen, dass du den Verlauf deiner Geschichte sogar richtig geplant hast.
      Nee, so richtig geplant habe ich den Verlauf nicht, habe nur grob die ersten paar Punkte der Heldenreise abgesteckt und der Rest der Planung geht für Recherche für den Weltenaufbau drauf ;) Ist einfach nur für mich mehr Planung als gewohnt, weil ich früher nicht geplant habe. Damals hatte ich aber noch genug Zeit, nur dann (und dann immer noch oft) zu schreiben, wenn die Muse mich geküsst hat. Bei Studium/Beruf musste ich meiner Meinung nach einen anderen Weg einschlagen...

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