Was ist zu glauben, nachdem die Welt fast unterging?

2014/09/10
Glaube hat für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft immer eine Bedeutung. Das heißt nicht, dass die Bedürfnisse, wie und was zu glauben ist, sich nicht verändern. Foto © fieberherz.de

Religion und Glaube sind für die gesamte Menschheit nicht weg zu denken. Zu unterschiedlich sind Verständnis von der Welt und die Bedürfnisse, um in ihr zu bestehen, zu jeder Zeit gewesen (und werden es auch immer sein) – behaupte ich jetzt einmal. Wo dem einen Fassbares (Essen, Haus, Gesellschaft etc.) genügt, braucht der andere zusätzlich noch geistige, spirituelle Orientierung, die viele in einer Religion finden. 
Auch wenn Religion in BIRDKIN keine große Rolle spielen wird, finde ich es dennoch spannend zu überlegen, wie die religiöse Landschaft gestaltet ist ein paar hundert Jahre in die Zukunft, nachdem sich die Menschheit fast selber ausgelöscht und viele Teile der Erde unbewohnbar gemacht hat. 

Nachhaltigkeit als Priorität

Wie ich bereits andeutete in "Die Welt in meinem Kopf hat einen Namen", hat sich die Einstellung des Menschen zum Umgang mit sich selber und dem Planeten grundlegend geändert. Was heute noch "freiwillige Nachhaltigkeit" ist, ist in BIRDKIN überlebensnotwendig geworden, denn der Luxus der schier unbegrenzten Ressourcenvielfalt ist hier entfallen. Bewusstsein darüber, dass man gut mit Mensch UND Planet umzugehen hat, kann Gesellschaftsnorm, aber auch ein zusätzlicher Aspekt einer Religion sein. Eine Religion, die diese Veränderung nicht mitmacht, könnte vielleicht zu einer Randerscheinung verkommen, weil ihre "Gesellschaftsfähigkeit" vermindert oder nicht vorhanden wäre.

Neubetrachtung des Menschen

Ich frage mich an diesem Punkt, wie sich der Mensch in BIRDKIN selber sieht. Auf allen Ebenen schuldbewusst auf jeden Fall, denn nur dies bewirkt den Wandel der Gesellschaft, wie er sich im Sinne des Solarpunk vollzogen hat. Schuld zu fühlen ist aber eine Sache, Konsequenzen daraus eine andere. Der Mensch muss meiner Ansicht nach auch gesehen haben, dass er vielleicht nicht die "Krone der Schöpfung" (=Spitzenposition, nicht zwangsläufig vernetzt), sondern eher ein "Teil der Schöpfung" (= stark vernetzt, keine Sonderstellung impliziert) mit Schlüssel zur ihrer Zerstörung ist. Andernfalls wäre der Schaden an der Umwelt für ihn selber nicht gleichermaßen schädlich. Hinzu käme, dass die Natur sich eigentlich selber im Gleichgewicht hält. Dieses Gleichgewicht ist ein wertvolles Gut, das der Mensch in all seiner "Weisheit" und "Fortschrittlichkeit" fahrlässig behandelt hat.

"Verneigen" als Schuldbekenntnis?

Diese Gedanken schließen meiner Ansicht nach nicht unbedingt aus, alles, inklusive dem Menschen, als Schöpfung eines Gottes zu sehen, wie es z.B. das Christentum tut (damit würde der Verlauf der Geschichte als Missachtung der Weisung, Gottes Schöpfung bewahren verstanden werden, eine Art selbstauferlegte Buße kann die Folge sein). Dennoch könnten auch kleine Religionen, insbesondere die Naturreligionen, hier eine neue Gewichtung bekommen in dem Zuge der Neupositionierung in der Welt, die der Mensch sich selber durch seine eigene Beinahe-Vernichtung deutlich gemacht hat. Der Enthusiasmus, der Menschen beispielsweise zur Zeit der Industrialisierung verspürt hat, weil er da sein Vermögen begriff, sein eigenes Schicksal selber zu beeinflussen, sich (vermeintlich?) zu befreien von natürlichen Gegebenheiten – dieser Enthusiasmus ist in BIRDKIN wohl eher Ernüchterung gewichen (ja, hier setze ich mich gerade vom Steampunk ab!). Der Wunsch und Zwang zur Wiedergutmachung, zur Erhaltung könnte in der Personifizierung der Natur durch alte und/oder neue Gottheiten oder einer Art Gottheit münden.
Übrigens sehe ich bei einer Art "Naturreligion" besonders die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit der Wissenschaft, um stets neue Techniken zu entwickeln, die Erde möglichst wenig auszubeuten und Beschädigungen zu reparieren. Hier könnten Vertreter einer solchen Religion eine Art "ethische Mittelsmänner" sein, das Wohl der Erde und der Menschen gleichermaßen im Blick. Aber auch andere Richtungen wären denkbar, momentan favorisiere ich aber diese hier für BIRDKIN als eine Art "Hauptströmung". Eine alleinige Religion erachte ich aber als völlig unrealistisch. Und die Begründung dafür steht schon im zweiten Satz: "Zu unterschiedlich sind Verständnis von der Welt und die Bedürfnisse, um in ihr zu bestehen, zu jeder Zeit gewesen (und werden es auch immer sein) [...]."


An dieser Stelle muss ich meine wirren Gedankengänge so stehen lassen und mich zwingen, nicht noch mehr dazu zu schreiben. Dieses Thema ist schwierig, man kann wohl eine Doktorarbeit über so etwas schreiben und wahrscheinlich schafft keiner, sich das hier bis zum Schluss durchzulesen... Wer bis zum Ende gelangt ist, kommt in den "Genuss" einer Entschuldigung: Verzeiht diesen langen Text und seine schwache Strukturierung, aber ich wollte diese Art stream of consciousness nicht "verstümmeln"...

PS: Denkt an die neue Facebook-Seite von BIRDKIN! Da poste ich nicht nur von neuen Blog-Posts, sondern auch anderen kleinen Web-Schnipseln, die mal mehr, mal weniger, mit BIRDKIN und dem Schreiben an sich zusammenhängen :)
       
Kommentare zu "Was ist zu glauben, nachdem die Welt fast unterging?"
  1. William Gibson nutzte in seiner Neuromancer-Trilogie den Voudou als Religion des Cyberspace. Ansonsten - Wicca? Neoheidentum?

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    1. Ja, das sind schöne Beispiele für "Natur-Richtungen" bzw. für Abspaltungen einer Hauptströmung mit bestimmten Vorstellungen der Beziehung Mensch-Natur – solche meinte ich :) Mal sehen, ob ich mir den Spaß mache und etwas Neues mit Anlehnungen kreiere :p

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  2. Ich bin froh, dass du deine Gedankengänge so stehen gelassen hast. Spannendes Thema!

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    1. Danke dir :D Finde das auch sehr spannend, eigentlich ein perfektes Thema für nächtliche Gespräche bei einem lieblichen Rotwein ♥

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