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Die Sache mit dem Genre

Genre können helfen, zu vergleichen – aber auch gnadenlos verunsichern. Model © faestock.deviantart.com / Textur © lostandtaken.com / Collage © fieberherz.de
 Model © faestock // Textur © Lost & Taken // Collage © FIEBERHERZ

Gestern veröffentlichte Evanesca einen spannenden Post mit dem Titel "Warum das Genre für den Leser so wichtig ist" und besagter Post wurde von mir regelrecht verschlungen.  Schon vor meinem Aha-Erlebnis in Sache Genre (ich stolperte über Solarpunk) zerbrach ich mir den Kopf darüber, wie BIRDKIN einzuordnen sein würde. Auch nach Evanescas Text fühle ich mich immer noch zweigeteilt. Ich sehe ein, dass eine Kategorisierung notwendig und hilfreich ist auf einem großen Markt an Publikationen. Und doch ist das Festlegen eines Genre für mich immer noch ein kleiner Tod.

Zu Beginn aber das Positive: Wer den Blogpost gelesen hat, den ich erstmals zu Solarpunk machte, dem ist nicht entgangen, wie erfreut ich doch war, etwas in ein Wort packen zu können, das mir schon länger im Kopf herumgeisterte. Nicht, dass das Projekt davon abhing. Aber ein Genre ist eine Art Visitenkarte: Schlüsselelemente bzw. wichtige Aspekte des Inhalts werden mit diesem Wort verbunden und bleiben besser hängen, selbst wenn ich das Wort doch noch erklären muss.
Im Umkehrschluss heißt das auch, dass ich nicht nur Inhalte besser behalten, sondern diese oder sehr ähnliche, auch erfolgreich finden kann – selbst wenn ich Werk und Autor vorher gar nicht kannte. Das erfordert eine Art Konsens den Begriff betreffend und einen groben gibt es sicherlich für vieles. Wenn ich also auf Amazon nach Sci-Fi-Büchern suche, werde ich, zumindest beim schnellen Überfliegen der Positionen, nicht enttäuscht. Im Klartext: Das Genre kann helfen, das eigene Werk für Agenten und Verlage gezielter zu "verorten", nach erfolgreicher Veröffentlichung auch auf dem Buchmarkt selber und somit eben für den Leser. Es geht also um im Idealfall gelungenes Marketing.

Und jetzt von dem "kleinen Tod", den für mich jede Art der Kategorisierung mit sich bringt: Ein Genre für das eigene Werk zu wählen kann im frühen Stadium die eigenen Erwartungen an seine eigene Arbeit festnageln. Der Weg scheint festgelegt, alternative Routen undenkbar, um die Eindeutigkeit der Arbeit nicht auf's Spiel zu setzen. So etwas fürchte ich wie die Pest!
Eine spätere Festlegung kann auch einfach die falsche sein und letztlich dazu führen, dass Agenten, Verlage und Leser gar keine Lust auf das haben, was man da liebe- und mühevoll zusammengebastelt hat – und es vielleicht nicht einmal wahrnehmen. Warum werden im Supermarkt wohl hin und wieder die Regale umgeräumt? Um die festgefahrene Denkweise des (regelmäßigen) Konsumenten aufzubrechen. Genre können meiner Ansicht nach wie das Angebot in einem Supermarkt sein, der nie wirklich umgeräumt wird: Es gibt im Bewusstsein des Lesers dann vielleicht kaum noch Pfade abseits derer, die am meisten genutzt werden.
Oder aber man hat sich selber derart verzettelt mit der Kategorisierung seiner Arbeit, dass man sich am Ende gar anhören muss, man habe versucht, andere zu täuschen oder sei zu anmaßend. Das wäre dann auch weniger gelungenes Marketing (um das mal nett auszudrücken). Falsche Versprechungen vermitteln dem Leser nicht das Gefühl, für voll genommen zu werden.
Ein Genre zu haben bedeutet unter Umständen auch, sich ständiger Kritik ausgesetzt zu sehen. Wo fängt ein Genre an, wo hört es auf? Manche sind sicherlich leichter zum umreissen als andere. Nehme ich Steampunk als Beispiel, wird hier schon seit mehreren Jahren diskutiert, wo noch der Punk darin liegt. Und welchem Genre Romane angehören sollten, wenn sie zwar viel Steam, aber keinen Punk beinhalten und angeblich nur von einem etablierten Begriff profitieren wollen.

Obwohl ich bislang nicht wirklich Bezug auf Evanescas Post genommen habe (außer auf das Thema allgemein), möchte ich doch noch hier etwas daraus zitieren und kommentieren:

"Außerdem ist “Hauptsache, das Buch ist toll” einfach nur eins dieser doofen Totschlagargumente, mit denen man keinem Menschen wirklich bei einem praktischen Problem weiterhilft. Aber wer es äußert, steht dann scheinbar moralisch überlegen da – da über den ganzen Genrestreit erhaben – und sonnt sich im Gefühl, ein scheinbar besserer Mensch und Leser zu sein. Die Einstellung mag ich schon mal gar nicht, wenn ich ehrlich bin."

"Hauptsache, das Buch ist toll"-Menschen würde ich mir mehr wünschen! Solche Menschen sind vielleicht in der Lage, über den Genre-Tellerrand zu schauen und dabei Werke zu entdecken und zu verbreiten, die anderen bislang nicht ins Gesichtsfeld kamen (Wäre nicht ein Buch toll, das Genre-Vorurteile zu überwinden und noch mehr Menschen zu erreichen vermag?). Und man stelle sich vor, Betaleser würde auch ausschließlich in "ihren" (d.h. persönlich bevorzugten) Genre verbleiben...?
Argumentativ ist es sicherlich so, dass man die Diskussionen mit einem "Hauptsache..." von sich abweist und eine Person, die stundenlang darüber diskutieren möchte, wird keine Freude mit so jemandem haben. Aber zu unterstellen, dadurch bewusst "moralische Überlegenheit" ernten und sich als besserer "Mensch und Leser" fühlen zu wollen, DAS empfinde ich persönlich als Totschlagargument, das einen in eine Rechtfertigungsposition zwingt. "Hauptsache, das Buch ist toll" könnte ja einfach (versucht) friedensstiftend verstanden werden, oder nicht? EDIT: Evanesca hat sich unten in den Kommentaren zu den Umständen geäußert, aus denen das oben stehende Zitat resultierte.

Den absoluten Idealfall (der sicherlich auch Ansichtssache ist, wie alles und immer) zeichnete einmal Lauren Sarner für Huffington Post nach:

"The Harry Potter books were not successful because they were Young Adult books or because they were Fantasy books, but rather because there was something about them that made readers look past those labels."


Das waren ein paar lose Gedanken Gedanken zum Thema Genre. Es ist eine absolute Hassliebe, die ich da empfinde und viel anders wird es auch wohl nie sein. Ebenso wie ich es liebe, darüber zu diskutieren, habe ich nicht manchmal übel Lust, mitten im Satz einfach aufzuhören mich aufzuregen. Und mich stattdessen an den Schreibtisch zu setzen und zu schreiben.

Kommentare

  1. Ich glaube, das ist eins der ersten Male, da ein Post von mir einen anderen inspiriert hat *freu*.

    Das mit dem Totschlagargument... es ist einfach eine Sache, wo es geäßert wird. Wird es auf die Frage nach dem Lieblingssgenre im Kontext eines Grabenkriegs geäußert, ist das eine Sache.
    In einer Autorengruppe, als es konkret darum ging, wo man ein Buch, das sich mit Jules Vernes eher sci-fi-lastigen Sachen vergleichen ließe, verorten soll... da war das einfach so unfassbar daneben... und aus meinen Antwortkommentaren, die das Genre verteidig haben, entstand dann mein Blogpost *g*.
    Es kommt also immer darauf an, wann, wo und weshalb etwas geäußert wurde. Und ich kritisierte konkret die Verwendung des Arguments in Bezug auf hilfesuchende Autoren :).

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    1. Ach, sag das nicht! Vielleicht wurde das nur noch nicht so explizit dazu geschrieben :D

      Ich sehe was du meinst, aber in dem Artikel hast du es auch verallgemeinert mit diesem Satz: "Wie immer bei Diskussionen, bei denen man ein Buch einem Genre zuordnen möchte, kommen dann früher oder später Mitdiskutanten auf die Idee zu sagen, das Genre wäre doch völlig egal, hauptsache es ist ein tolles Buch und man hat Spaß beim Lesen."

      Deswegen habe ich auch so darauf geantwortet, auf die Verallgemeinerung :) Werde aber im Post noch einmal explizit auf deinen Kommentar hier hinweisen!

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  2. Das Paradoxe bei Supermärkten ist: Sie sind oft gleich aufgebaut, sodass der Kunde in Stadt X und Stadt Y überall dasselbe findet. Das widerspricht aber dem Konzept des Umräumens....

    Genre-Grenze, das ist eine Sache. Beim Stöbern in digitalen Buchläden ist das Genre eine gute Orientierung, was mir gefallen könnte. Den Klappentext lesen muss ich aber selber :P Beim Selbst-Marketing hat man mehr Chancen. Besonders bei FB-Gruppen sehe ich viel Potenial. Denn wenn man den Leser mit dem Inhalt des Buches und nicht mit dem Genre überzeugt, dann spricht man auch genre-fremde Leser an. Ich hab z.B. über LB bei einer Leserunde über ein Chick-Lit-Buch mitgemacht. Ist eigentlich nich mein Genre. Aber ich wollte es ausprobieren :P

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    1. Das Paradoxe bei Supermärkten ist: Sie sind oft gleich aufgebaut, sodass der Kunde in Stadt X und Stadt Y überall dasselbe findet. Das widerspricht aber dem Konzept des Umräumens....
      Ja, Ketten-Supermärkte & Co. sind aufgebaut nach einem festgelegten Konzept, das filialenübergreifend funktionieren soll. Umräum-Aktionen finden ebenso festgelegt statt, d.h. meiner Ansicht nach steht koordinierter Warenaufbau keinesfalls im Widerspruch zu koordinierten Umräumaktionen. Zu Umräumaktionen zähle ich übrigens auch (das habe ich aber auch nicht explizit geschrieben) Probieraktionen, "Aktionsregale" etc., die temporär in das Sichtfeld des Konsumenten gerückt werden. Ohne Sichtbarmachung, ohne das Anregen von "Neuvernetzung" im Konsumverhalten werden sonst dieselben Wege eingeschlagen.
      Der Antrieb zum Sich-neu-Orientierens kann aus dem Aufbau des Angebots kommen, aber natürlich auch aus dem Denken des Konsumenten selber (in Falle des Lesers als Konsument hilft der von dir als Beispiel genannte Austausch in Form einer Leserunde).

      Genre-Grenze, das ist eine Sache. Beim Stöbern in digitalen Buchläden ist das Genre eine gute Orientierung, was mir gefallen könnte.
      Klar, Genre helfen in der ersten Orientierung und diese Orientierung ist wichtig, damit man überhaupt wagt, mit der Suche nach neuem Lesestoff anzufangen (schließlich will man nicht soviel Zeit mit der Suche verbringen wie mit dem Lesen). Schade finde ich hier manchmal den Schere zwischen Markt-Konsens und dem Verständnis des Autoren in Bezug auf sein eigenes Werk. Genre können seine Arbeit gefühlt beschneiden, weil sie in ihren Inhalten limitiert/reduziert wird - hier muss man sich aber dem Markt unterwerfen, welches Alternativ-Modell gibt es da schon? Dutzende neue Genre-Begriffe erfinden, um den Markt noch undurchsichtiger zu machen und irgendwo die Konsensfähigkeit aller Seiten noch weiter zu untergraben?

      Denn wenn man den Leser mit dem Inhalt des Buches und nicht mit dem Genre überzeugt, dann spricht man auch genre-fremde Leser an.
      Das ist der besagte Idealfall. Aber da ist erst einmal der Verlust derer, die schon bei der Einordnung kehrt machen und gar nicht erst die Inhaltsangabe lesen (eine falsche Genre-Bezeichnung, egal, wer dafür verantwortlich ist, kann ja wirklich "tödlich" sein). Ich persönlich bin zum Beispiel in meinem Leben noch nicht in der Historienroman- oder Krimi-Abteilung eines Buchladens gewesen, ergo weiß ich nicht einmal, ob da nicht doch etwas für mich dabei wäre. Eigentlich sollte ich mich was schämen :( Aber wie alle, habe ich nicht ewig Zeit, alle Buchrücken zu lesen, das sage ich mir zumindest immer. Richtig finde ich dieses Verhalten trotzdem nicht.

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  3. Ich glaube, ich habe noch nie so intensiv über Genre nachgedacht wir geade eben. Bisher hielt ich ein Genre einfach für eine Einordnung, damit man in Buchgeschäften in etwa weiß, wo man welche Art Buch findet. Ich habe fast noch nie darüber nachgedacht, dass man manche Bücher einfach nicht einordnen kann oder es sehr schwer ist. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich mich im Allgemeinen nicht so sehr an Genren orientiere. Ich denke zwar soetwas wie " Thriller sind absolut nicht mein Genre.", aber meistens sind Bücher, die in solche oder ähnliche Kategorien kommen, einfach einzuordnen und ich kann mit Gewissheit und gutem Gewissen sagen, dass ich Bücher dieses Genres nicht lesen werde.
    Also gehe ich eher nach dem Buch an sich, ich entscheide aufgrund anderer Dinge, ob ich das Buch lese oder nicht: Am Aussehen, am Klappentext (sehr entscheidend), am Autor (wenn ich den Autor schon kenne), am kurzen Reinblättern oder auch einfach an "Sympathie". Bei manchen Büchern spürt man doch irgendwie, dass sie für einen nicht interessant sind, oder ist das nur bei mir so?
    Jedenfalls versuche ich jetzt mal mehr auf Genres zu achten.

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    1. Ich denke zwar soetwas wie " Thriller sind absolut nicht mein Genre.", aber meistens sind Bücher, die in solche oder ähnliche Kategorien kommen, einfach einzuordnen und ich kann mit Gewissheit und gutem Gewissen sagen, dass ich Bücher dieses Genres nicht lesen werde.
      Genau zur dieser Denkweise verführt dieses Kategorisieren – man hält ein Über-den-Tellerand-Schauen für überflüssig. Wer auch immer das Buch also in diese Ecke gestellt hat, hat sich besser nicht vertan... ;)

      Bei manchen Büchern spürt man doch irgendwie, dass sie für einen nicht interessant sind, oder ist das nur bei mir so?
      Ein bisschen geht es mir auch so :D Man entwickelt sicherlich ein gutes Gefühl für sowas! Aber man geht gefühlsmäßig sicherlich auch eben recht gleichförmig vor – davon bin ich zumindest überzeugt. Aber wie ich ja schon in Kommentaren hier schrieb, fällt mir persönlich das z.B. auch, aber das "Muster" durchbreche ich kaum... Im Augenblick habe ich bewusst zwei Bücher geholt, die sonst nicht so meins wären. Mal schauen, was daraus wird :)

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