Strandhausleben

2015/04/04
Strandhausleben – Kurzgeschichte. Gestaltung © fieberherz.de


"Manchmal geht sie am Wasser spazieren und lässt den Wind versuchen, sie auf das Meer zu tragen. Aber immer wieder steht sie zu fest auf dem Boden und kehrt zurück in ihre Wohnung, zu ihrer Arbeit, zu ihren Nächten mit wenig Schlaf und Meerblick."

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Marjas Sicht geht gerade so über den Meeresspiegel hinweg, dass sie nicht sagen kann, ob sich bei ruhiger See und klarem Himmel die Sterne darin spiegeln können. Das stellt sie jedes Mal fest, wenn sie aus dem Fenster schaut. Meist dann, wenn die Nacht schon lange vom Horizont gekommen ist und vor ihrem Fenster sitzt. 
Sie sagt gerne, dass sie am Strand wohnt und fühlt sich für einen Augenblick wie von der Sonne gebadet, wenn wieder gesagt wird "Das ist aber schön. Meerblick!" Das mit dem Strand sagt sie aber leise und vermeidet dabei Augenkontakt, tut beschäftigt. Marja hat gelernt, dass dann in der Regel nicht der Vorschlag folgt, sie doch mal am Strand zu besuchen, weil es dort ja so schön sei.
Das Haus, in dem Marja wohnt, steht tatsächlich am Strand und ist hoch. Sehr hoch und ebenso grau. Viele Menschen wohnen darin, sind irgendwann in die Münder gekrochen und kommen nur selten raus. Vielleicht sieht Marja aber auch nie hin, wenn das Haus sich mal auftut. Früher dachte sie, dass es an ihr liegen würde. Heute ist es ihr jedoch egal. Und als es einmal begann, ihr gleich zu sein, entdeckte sie, dass, wenn sie aus ihrem Schlafzimmerfenster hinaus schaut, sie nicht sagen kann, ob sich bei ruhiger See und klarem Himmel die Sterne im Wasser spiegeln können. Das war, als sie begann, nachts wach zu werden, unerklärlicherweise der Kopf das Herz nicht beruhigen konnte und sie auch lange nicht einschlief vor dem Morgen. Auf der Arbeit fragte sie sich dann anfangs, was sie in der Zeit eigentlich getan hatte, außer, zum Horizont zu blicken. Jetzt aber gehörte es zu ihrem Leben dazu wie das tägliche Zähneputzen. Marja fragt sich nicht mehr, warum Dinge sind, wie sie sind. Zu oft war sie zu dem Schluss gekommen, dass etwas mit ihr nicht richtig sei. Und so etwas macht sie immer traurig.
Marja hält sich nun jedoch nicht für traurig, sie funktioniert und lebt in dem großen, grauen Haus am Strand. Manchmal geht sie am Wasser spazieren und lässt den Wind versuchen, sie auf das Meer zu tragen. Aber immer wieder steht sie zu fest auf dem Boden und kehrt zurück in ihre Wohnung, zu ihrer Arbeit, zu ihren Nächten mit wenig Schlaf und Meerblick.

Eines Tages klimpert es. Marja kennt das Rauschen des Meeres so gut, dass sie es kaum noch hört. Also nimmt sie das Klimpern recht deutlich wahr. Es ist ein netter Nachmittag, die Arbeit ist getan und der Wind lässt sie heute in Ruhe, obwohl sie im Sand steht. Erst tut sie, als wäre es ihr egal. Aber das Klimpern sickert unablässig in ihr Bewusstsein. Sie schließt die Augen und versucht, sich auf die Gleichgültigkeit zu konzentrieren. Sie gibt auf, öffnet die Augen. Das Meer liegt unverändert vor ihr, es klimpert weiter. Marja reißt sich los von dem, was sie sieht und wendet sich dem zu, was sie da hört. Vor ihr liegt eine Strandbar, in der sie noch nie war. Aber Marja geht ohnehin niemals in Cafés oder Restaurants oder Strandbars. Diese hier sieht aus, als hätte die Hütte einmal in der Karibik gestanden – viel altes Holz, absplitternde Farben, Topfpalmen, Lichterketten. Die Lampen brennen nicht, dafür ist es noch zu hell. An den Tischen um die Bar sitzen nur wenige Menschen. Diese Menschen sitzen dort, woher das Klimpern kommt. Marja hört sich atmen. Atmen, klimpern, atmen – und sie steht vor der kleinen Hütte unter den Lichterketten. 

„Kann ich dir helfen?“ Sein Haar hat die Farbe von Sand an einem verregneten Tag. Und seine Hände huschen über den Tisch und mit jeder Bewegung macht es immer wieder kling klong kling.
„Alles gut“, lächelt Marja und überrascht sich damit selber. „Ich wollte sehen, woher diese Geräusche kommen.“
Sein Hände ruhen nun. „Bastle hier ein Windspiel, dürfte bald fertig sein. Dann ist nur noch der Wind schuld.“ Seine grünen Augen sind freundlich. 
„Nein, es stört nicht, ich kannte diese Geräusche nur nicht. Ich gehe hier öfter spazieren und manchmal denkt man… man kennt alles.“ Marja zuckt mit den Schultern und blickt auf den Tisch. Unzählige kleine, rundgewaschene Glasstücke in verschiedenen Farben und Formen liegen da, aber auch Kronkorken und andere kleine metallische Gegenstände. Sie greift nach einem grünen Glasstück, lässt es auf ihrer flachen Hand liegen und beobachtet es, als würde gleich etwas damit geschehen, mit dem sie nicht rechnen kann.
„Da ist ein Loch drin.“
„Klar, irgendwie muss ich die Sachen ja auffädeln.“ Es klimpert laut, lauter als jemals zuvor und er hält ihr das halbfertige Windspiel entgegen. Bedächtig, stolz.
„Das sind alles Sachen vom Strand?“
„Genau.“
„Ich wusste nicht, dass man soviel von diesen Sachen dort findet.“
„Ach klar, du musst nur hinsehen! Es dauert ein bisschen, bis ich alles zusammen habe und dann nochmal, besonders in die Glasstücke, Löcher zu bohren. Wollte ein ganz großes Windspiel. Bin also immer noch nicht fertig. Aber wenn, dann kommt es hier in den Eingang meiner Bar.“
Marja wacht auf aus dem Strom seiner Worte und legt rasch das Glasstück zurück. „Deine Bar“, murmelt sie. „Die ist schön. Ein bisschen wie in der Karibik.“
Sein leises Lachen vermischt sich mit dem kling klong kling, als er das Windspiel zurück auf den Tisch legt.
„So war das gedacht.“
Der Moment ist da. Marja spürt das Ende dieser Unterhaltung, wie es in ihrem Hals stecken bleibt, quer und kratzend. Der Wunsch, sich umzudrehen, in das graue Haus zu gehen, wird fast unerträglich. Sie zieht die Ärmel ihrer Jacke bis zu den Fingerspitzen, zuckt mit den Schultern und lächelt einen wortlosen Abschiedsgruß. Marja kriecht zurück zu den anderen in die dunklen Münder.
„Keinen Kaffee?“, wirft er ihr als Frage in den Weg. „Oder was ist mit Tee?“ 
„Sicher. Ein anderes Mal.“ Sie weicht aus, sie entweicht und sie verlässt die Karibik, kehrt zurück nach nebenan in das große, graue Haus.

Marja kann wieder nicht schlafen. Schaut aber nicht über das Wasser, sondern nach rechts zur Karibik. Es ist Wochenende und die Lichterketten sind angegangen. Es scheint ihr gerade so, als wäre dieser kleine Ort am Strand nun der einzige, an dem sie eine Reflexion des Sternenhimmels erkennen kann, auch wenn sie dafür die Augen ein bisschen zusammenkneifen muss. Die Uhr an der Wand klagt nicht an. Dieses Mal nicht. Sondern scheint sie stumm fortzuschicken. Marja hört ihren Atem, sieht ihn am Fenster, sieht ihn verschwinden. Es sind jetzt noch andere wach. Die Gründe sind unerheblich. Marja zieht sich fast geräuschlos an und nimmt sich vor, ein Stück Strandglas zu finden. Und vielleicht, vielleicht einen Tee in der Karibik zu trinken.



Diese Geschichte ist durch einen kleinen Aufruf meinerseits auf Twitter entstanden, weil ich Lust hatte, eine Kurzgeschichte zu schreiben, um auch mal einen anderen Schreibstil auszuleben, als er in BIRDKIN üblich ist. Ramona war so lieb, mir Stichwörter zu geben – Stern, Windspiel und Reflexion waren die Begriffe. Die habe ich jetzt relativ einfach umgesetzt, aber das Ergebnis mag ich dennoch sehr.

Die Fotos zu diesem Post sind 2012 in Den Haag am Strand entstanden, wo wirklich riesige, hässliche Betonklötze stehen. Obwohl ich nur einen Tag dort war, zehre ich irgendwie immer noch von den dort gesammelten Eindrücken.
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