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Von der Kriegerin, die zu hoffen wagte

Imperator Furiosa – die Kriegerin, die zu hoffen wagte (Mad Max: Fury Road). Illustration © Rahzzah – rahzzah.deviantart.com // fieberherz.blogspot.com
Illustration © (and generously supported by) Rahzzah

Vor kurzem habe ich Mad Max: Fury Road im Kino gesehen und ging schwer angetan wieder aus der Vorstellung heraus. Begeistert war ich vor allem von der anderen Hauptfigur neben Max (Tom Hardy), namentlich Imperator Furiosa (Charlize Theron). Dabei will ich hier nicht schauspielerische Leistung beurteilen, sondern aufrollen, was Furiosa in meinen Augen zu einer großartigen Figur und für mich irgendwo auch zu einer Art Vorbild für die Protagonistin von BIRDKIN, Erin, macht.

Dieser Post wird Spoiler für Mad Max: Fury Road enthalten. Wenn du den Film noch sehen möchtest, solltest du ihn vielleicht lieber nach der Kino-Vorstellung lesen!

Geht man nach einem Interview mit der Furiosa-Darstellerin Charlize Theron (ca. ab 03:00), so war die Figur als Antiheldin gedacht. Ebenso wie Max Rockatansky zeichnet sie sich auch wirklich nicht durch eindeutig moralisch richtiges Handeln aus. Als Kind wurde sie von ihrem Anführer Immortan Joe entführt und stieg mit den Jahren schließlich zum Imperator auf, also einer engen Vertrauten Joes. Wir dürfen also davon ausgehen, dass sie bereits zahlreiche Menschen auf dem Gewissen hat – alles nur zur perfekten Anpassung an die feindliche Umgebung und anstelle einer offenen Rebellion. Letzteres könnte vermutlich bereits ihrer Mutter das Leben gekostet haben, die laut Furiosa bereits drei Tage nach beider Entführung durch Joe verstarb.

Als Max auf sie trifft, ist sie gerade dabei, nach langer Planung dieses Coups, Joes Konkubinen fortzubringen in ihre eigene alte Heimat, damit die Frauen und sie selbst dort ein würdiges Leben führen können, fernab der Unterdrückung und "Objektivierung", sowie des Missbrauches durch Joe. Die Begegnung zwischen Max und Furiosa war für mich der absolute Schlüsselmoment für den Zugang zur ihrer Figur: Diese kleine Frau, die Kriegerin, ist vermeintlich gehandicappt dadurch, dass sie links keinen Unterarm mehr hat – und bietet Max dennoch die Stirn, zäh, voll ungebremster Kraft und Kampfgeist.
Und nun war ich gefangen: Max war passé, so sehr ich auch schauen wollte, wie Tom Hardy sich schlägt statt Mel Gibson – Furiosa, die Kämpferin, die Rächerin, die Hoffende, die Gebrochene, von Anfang an natürlich Antiheldin, SIE wollte ich sehen. Denn "normale Heldinnen" konnte mich besonders früher sehr begeistern, aber mittlerweile funktioniert für mich moralisches Schwarz-Weiß nicht mehr. Und Furiosa ist sandgraublutig.

Man sieht an Furiosa (bei aller Tragik) wunderbar, wie verwaschen das menschliche Verhalten sein kann von eigenen Bedürfnissen, Moralvorstellungen und dem Einfluss von Außen. Wer tötet im Namen des pseudofürsorglichen, letztlich nur grausamen, Diktators, statt offen zu rebellieren, muss jedes Mal auch etwas in sich getötet haben. Letztlich aber hat die Hoffnung in Furiosa auf ihre alte Heimat sie weiterleben lassen (etwas, wofür Max sie sogar rügt, pff). Als sie erfährt, dass ihre alte Heimat der um sich greifenden Dürre zum Opfer gefallen ist, gestattet die Kriegerin sich einen Moment der ehrlichen Verzweiflung (angeblich eine improvisierte Szene Therons? Wenn ja – Chaupeau!) und bricht im Wüstensand zusammen. Man sieht (aber hört sie nicht) schreien, hinaus mit ihrer Enttäuschung, dem Hass, dem angesammelten Schmerz. Nicht, dass ein "normaler Held" dies nicht getan hätte. Aber es hilft, mit ihr zu leiden, trotz all der fragwürdigen, grausamen Dinge, die im Nebel ihrer Vergangenheit liegen. Kein stählernes, stoisches "Durchpowern", nein, Zusammenstöße, Zusammenbrüche, immer wieder, mal größer, mal kleiner.

Warum ist sie nun Vorbild für Erin aus BIRDKIN? Einmal, weil Erin sich selber nie als Heldin sehen würde und genau so auch nicht gesehen werden kann. Es wird Momente geben, in dem ihre Handlungen für sie Sinn machen, aber andere abstoßen werden. Oder sie sogar selber abstoßen, aber von ihr als dennoch notwendig erachtet werden. Man wird ihr Gutes und Schlechtes zusprechen und ihr größter Kampf wird deswegen immer der mit sich selber sein. Und Furiosa zeigt, dass der Kampf mit sich selber und anderen, die ihr Handeln, ihre Einstellung anzweifeln, dennoch das Richtige sein und Gutes bewirken kann – selbst wenn das bedeutet, selbst gebrochen zu werden, geliebte Menschen zu verlieren oder gar selbst zu sterben.
Zum anderen ist Furiosa eine Frau (noch dazu körperlich behindert) und dies spielt absolut keine Rolle für den Film. Sie hätte auch ein Mann sein und noch beide Hände besitzen können. Sicherlich wird sie so mancher in ihrer Vergangenheit unterschätzt haben. Aber das ist zu verschmerzen, denke ich. Und ich glaube, Erin ist ihr das sehr ähnlich, wenngleich Furiosa auch weiter zu sein scheint. Erin wird von ihrem Volk gerne auf ihren Wert als Frau reduziert, quasi als vorprogrammiert Gebärende, wogegen sie sich nur bedingt wehren kann. Sie hatte und hat ihre Momente, in dem sie für sich die Frau leugnet, die sie nun einmal ist und sich wünscht, einfach ein Mann zu sein – aber sie sollte, wenn es nur ginge, von Furiosa und auch den anderen Frauenfiguren in Mad Max: Fury Road lernen, dass das Geschlecht kein Grund ist, einstecken zu müssen.
  

Kommentare

  1. Ein sehr toller Post! Das Lesen hat richtig Spaß gemacht. :)

    Liebste Grüße,
    Lisa von Ash Blonde

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    1. Ok, danke :) Ich hoffe, das Lesen war nicht allzu erheiternd, weil es, wenn auch nur gerade motivisch einem Film entliehen, um ein nicht sehr spaßiges Thema geht in diesem Post :p Also Unterdrückung, Tod, Schmerz, etc. pp. und so.

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  2. Absolut guter Post! Habe den Film auch gesehen, war aber eher ein spontaner Entschluss, ohne mit jemals mit der Reihe auseinandergesetzt zu haben. Was dann auch zur Erkenntnis führte: das ganz Postapokalyptische Szenario ist mir einfach eine Spur zu krank :D (allein der Typ mit der E-Gitarre)

    Dennoch, nachvollziehbare Gedanken und ein toller Post!

    Grüße, Felix http://felixundrichard.blogspot.de/

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    1. Hallo Felix, freut mich, wenn dir der Post gefallen hat :) Die Mad Max-Reihe hat eine ziemlich abgefahrene Sichtweise, was die ganze Post-Apokalypse angeht. Du findest auch andere Interpretationen, ich denke da an Postman von 1997 mit Kevin Costner - nix mit abgefuckten Gestalten, alles wesentlich braver und familientauglicher. Neuere Filme mit dem Thema, die es aber anders angehen sind z.B. I Am Legend (2007), Vampire Nation (2010), Casshern (2004) und viele weitere. Situation ist immer ähnlich: Menschheit am Rande der völligen (Selbst-Vernichtung) und Überlebenskampf der Protas im Fokus. In den genannten Filmen wird dann noch etwas nachgewürzt mit Zombies, Vampiren und Robotern. Du siehst - da geht noch was. Mad Max ist definitiv eine prägende Reihe in Sache Post-Apokalyptik, aber nicht stellvertretend für das Genre - dafür gibt es zu viele individuelle Interpretationen :) Also nicht abschrecken lassen, wäre schade um einige Film-Perlen!

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