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Erin, mein lichtgraues Herz (I)

"Zet heilt keine Wunden..." Grafik+Foto © fieberherz.de

Auch wenn es sich eigentlich unlogisch anfühlt, ist es eine schöne Art und Weise, sich noch einmal anders einem Charakter zu nähern – mit dem Briefeschreiben. In Zukunft möchte ich dies öfter tun, gerichtet an verschiedene Charaktere an unterschiedlichen Stellen in der Story. Dabei bemühe ich mich, nicht all zu sehr zu spoilern – wer jedoch selbst auf Andeutungen keine Lust hat, sollte bei dem Label "Briefe" wohl nicht weiter lesen ;)

Erin, mein lichtgraues Herz.

Dieser Brief wird dich niemals erreichen, und doch weißt du schon was darin steht, bevor alle Zeilen über die Tastatur geflossen und in den Bildschirm geronnen sind. Aber lass uns doch einmal ab hier so tun, als teilten wir nie unsere Gedanken.

Es ist mein erster Brief an dich, es ist ein Brief von derjenigen, die mehr von dir weißt, als du selber ahnen kannst. Schlimmer noch: Dies ist ein Brief derjenigen, die dir alles Glück und alles Leid in deinem Leben beschert hat und bescheren wird. Und selbst wenn du einen anderen Weg gehen willst, vermag ich ihn zu ändern – und tue es auch dann, wenn mir das Herz deswegen schmerzt.

Und da glaubst du, dein Vater bringe Schlechtes? Schau, Cezary ist doch letztlich nur ein Gefangener der Konventionen eures Volkes. Sein Glauben, ein großer Mann zu sein, rührt weder aus der Liebe zur dir oder deiner Mutter (Asejnerang.). Sondern aus seinem Festhalten an überholten Regeln, die sich niemand traut, infrage zu stellen. Du wirst in seinen Augen also nie richtig handeln können. Ich weiß, du willst das ohnehin nicht. Und doch, irgendwo, wolltest du es, wenn du dadurch nicht verrietest, was dich Verlust und Schmerz gelehrt haben. Was ich sagen will? Trauere um ihn. Aber hasse ihn nicht. Hebe dir den Hass auf für die Mörder in deinen Reihen.

Du bist durch Menschen wie Cezary jederzeit bereit, eine Mauer um dich zu errichten. Ich wünschte oft, das wäre nicht nötig. Aber das würde bedeuten, dass du ein ganz anderes Lebens gehabt haben müsstest. Und dass das, was an diesem Punkt noch kommen wird, nicht käme. Soviel Isolation dir dein Leben und du dir selbst brachten – eines Tages erkennst du vielleicht, dass selbst das einen gewissen Sinn haben kann. Es liegt an dir. Selbst ich (und glaube mir, das fällt mir schwer) muss mich da noch gedulden. Selbst für mich ist es noch nicht ganz sicher, was deine Erkenntnis sein wird.

Ich hoffe, dass Roe es schafft, dich – auf dem Weg zum Ende aller Dinge, wie dein Volk sie kennt – zu erweichen, aber auch stark für das zu machen, was noch kommt. In ihn setze ich wirklich viel Hoffnung. Aber an diesem Punkt habt ihr noch nicht wirklich viel miteinander zu tun. Ich will nicht allzu sehr vorgreifen. Nur soviel will ich sagen: Er ist nicht bloß ein "naiver Mensch", der mit Farbe "rumkleckst". Er arbeitet hart, um sich selbst auf der Leinwand ausdrücken zu können. Das, was viele andere nicht mehr wagen, weil das Leben zu kurz und zu hart geworden ist, das zieht er durch. Und in diesem Punkt seid ihr euch ähnlicher, als ihr beide denkt (egal, wie sehr ihr euch gegenseitig ärgert).

Apropos Ärgern: Sieh dir Lumnie an. Die kleine, freche Lum. Das Mädchen, das blieb (obwohl du bist, wie du bist). Ahnst du, wie viel du ihr bedeutest? Sie würde es nie zugeben. Also frag sie nicht danach, und mache auch keine Witze darüber, nur weil du schlecht mit Zuneigung umgehen kannst. Verlier sie nicht an dein verbittertes Selbst. Denn für einen anderen Teil von dir wäre es ein niemals wieder gut zu machender Verlust – egal wie alt du werden wirst. Zeit heilt keine Wunden und das weißt du. Zeit ist Salz. Die Zeit brennt in jeder Wunde. Und das Brennen wird dich niemals vergessen lassen. Höchstens diejenige, welche vergessen lassen kann – wenn der Rat denn so wollte. Aber ob das wirklich die Lösung aller Probleme, wirklich die einzig wirksame Heilung aller Wunden ist? Erhalte dir übrigens deine Zweifel eben daran.

So viel könnte ich dir noch schreiben. Schon jetzt möchte ich mich für so vieles entschuldigen. Und dir so vieles erklären. Aber das verschiebe ich auf einen anderen Punkt der Geschichte. Wenn wir beide weiter sind. Wenn alles sich noch mehr entfaltet hat.

Wir lesen uns, mein lichtgraues Herz.

Hintergrundbild © Subtle Patterns

Kommentare

  1. Das ist eine wirklich, wirklich gute Idee. Vielleicht sollte ich meinen Charakteren auch mal einen Brief schreiben.

    Erin klingt, als hätte sie ein ziemlich schweres Los zu tragen, und so viel Brutalität man uns Autoren auch nachsagt, weil wir uns das alles ausdenken, wir leiden jedes Mal mit. Zumindest geht es mir so. Ich tu Menschen Dinge an, die furchtbar sind, aber ich lass sie niemals allein damit.
    Und ich schätze, das ist Teil unseres Los.

    Der Satz "Zeit heilt keine Wunden und das weißt du. Zeit ist Salz." ist großartig :)

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    1. Freut mich, dass dir die Idee mit dem Briefeschreiben und der Text an sich gefallen :)

      Das mit dem Mitleiden wird sich wohl auch nie ändern :p Ich bin aber auch froh, da nicht eiskalt zu sein, ohne jede Regung. Zumal Erin nicht die Einzige ist, die ich durch die Hölle schicke :( Aber ich finde es (so blöd das jetzt auch klingt) recht fair, dass es mich so trifft, wo doch meine Charaktere ja schon regelrecht leiden. Ist dann ansatzweise ausgeglichen...

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  2. Hallo,

    dass ist wirklich eine wunderbare Idee, wenn auch etwas seltsam, sich bei einer imaginären Figur zu entschuldigen. Aber klar, sie wachsen einen ans Herz.
    Wenn ich das so lese, fällt mir auf, dass meine Layra auch nicht sonderlich von mir gesegnet wurde [wie auch diverse andere Figuren ~hust~]
    Ich glaube, es gibt bei mir keine Figur, die ein Leben führt, dass ohne Probleme verläuft.

    Hm, ähm, vllt sollte ich mal einen Gegenpol einfädeln, dem nichts und niemand etwas anhaben kann :D

    Jetzt frag ich mich natürlich, was ist denn das Schlimmste, was Du Erin angetan hast?

    Grüßle

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    1. ...dass ist wirklich eine wunderbare Idee, wenn auch etwas seltsam, sich bei einer imaginären Figur zu entschuldigen.
      Ja, es ist tatsächlich beides für mich :) Es fühlt sich richtig an, ist gleichzeitig aber merkwürdig. Andererseits hbae ich früher Tagebuch geschrieben, das waren damals Briefe an eine imaginäre Empfängerin namens "Rose" (das Buch war mit Rosen bedruckt, ich war da nicht sehr kreativ :p). Von daher sah ich das hier als nicht weniger legitim.

      Ich glaube, es gibt bei mir keine Figur, die ein Leben führt, dass ohne Probleme verläuft.
      Liegt vermutlich daran, dass auch in Wirklichkeit niemand ein Leben ohne Probleme führt. Und Leser interessieren sich sicherlich weniger für einen "Gustav Gans" und viel mehr für tragische Figuren á la "Donald Duck". Mein Beispiel ist jetzt nicht sehr elegant, aber ich glaube, es ist klar, was ich sagen möchte :)

      Hm, ähm, vllt sollte ich mal einen Gegenpol einfädeln, dem nichts und niemand etwas anhaben kann :D
      Hehe, vielleicht aber auch nicht - siehe oben :p

      Jetzt frag ich mich natürlich, was ist denn das Schlimmste, was Du Erin angetan hast?
      Da ich eher discovery writer bin, ist "das Schlimmste" wohl noch nicht aufgedeckt, sogar für mich selber. Und das, was quasi aber schon ein bisschen feststeht, sind natürlich Spoiler :p Auf jeden Fall kann sich Erin nicht schützen vor der Angst um Menschen, die sie liebt, obwohl sie bereits versucht, keine allzu engen Bindungen einzugehen. Und es werde eben solche Menschen wegen ihr leiden und sterben. Es wird Punkte geben, an welchen das Schlimmste für sie sein wird, überhaupt noch am Leben zu sein. Dass sich das jedoch ändert, lässt ihr Volk nicht zu bzw. hat bereits dafür gesorgt.

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