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Blaustern

Blaustern – Kurzgeschichte von Stephanie Koshka. Foto © Issara Willenskomer (unsplash.com), Gestaltung © fieberherz.de

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... heute fühlt es sich an, als würde er in diesem Hass ertrinken, quälend langsam mit jedem weiteren Tropfen, der da aus dem Himmel fällt."

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Alles Goldrot verblasst. Dabei hat sich der Tag angeschickt, ganz und gar ein klassisch herbstlicher zu sein – mit warmen Sonnenstrahlen, durch die Bäume, hinein in die Herzen. Nun regnet sich jedoch das Grau am Himmel aus und die Farben sickern in die Erde. Regenschirme werden aufgespannt, einer davon schützt einen Mann. Und eine Blume.

"Lukas hier. Wollte nur Bescheid sagen, dass ich noch schnell in die Wohnung springe, um mich fertig zu machen. Bin dann gegen 19 Uhr oben, wie verabredet."
Der Mann mit der Blume, Lukas, steckt sein Smartphone weg, kramt und kramt, findet den Schlüssel in seinen Hosentaschen und schließt die Haustür auf. Den Schirm lässt er aufgespannt im Treppenhaus liegen. Im kalten Flur seiner Wohnung greift er sich an ein Knopfloch der Jacke, dabei zu schnell, um nicht panisch zu wirken. Seine Finger erfühlen, was er fühlen wollte, doch erst der Blick auf das seitenverkehrte Ebenbild im Spiegel über der Kommode glättet seine Züge. Er verweilt in Betrachtung der Blume im Knopfloch, seiner Finger am zarten Stengel. Zieht ihn heraus und betrachtet weiter – nun die blassblauen Blüten, sternförmig, so offen und… Lukas seufzt. Unschuldig, überlegt er, unschuldig wäre wohl ein gutes Wort. Aber nicht immer eine gute Eigenschaft. Nicht heute.
Er legt die Blume auf die Kommode und streift sich auf dem Weg ins Bad die nasse Jacke ab. Sie bleibt liegen auf dem Holzboden, achtlos, lieblos – Lukas beschließt zum wiederholten Male, dass es ihn nicht kümmert. Er hat gerade andere Dinge im Kopf. Umziehen und wieder hinaus in das anstehende Gewitter, hinaus in den Regen, den er sonst mochte, nur heute nicht. Er muss Gwen sehen. So gut es eben geht. Seit er sie kennt, hat er seinen Job – sich selbst – zu hassen gelernt. Und heute fühlt es sich an, als würde er in diesem Hass ertrinken, quälend langsam mit jedem weiteren Tropfen, der da aus dem Himmel fällt.
Die Wohnung wird in ihrer Kargheit und Stille fast schon beherrscht von den durchnässten Kleidungsstücken, die er überall verteilt hat und vor sich hin tropfen. Durch die Fenster rollt ein fernes Grollen in die Räume. Zähne putzen, mit dem Handtuch durch die Haare rubbeln, sich doch für das Rasieren entscheiden, rasieren. Lukas schneidet sich zwei Mal, also fischt er einen Schal aus einem Korb, legt ihn um. Als er sich eine Jacke überzieht, steht er wieder an der Kommode, vor seinem Spiegelbild und vergewissert sich, dass er dort noch liegt, der Blaustern. Natürlich liegt er noch dort, dann steckt er abermals im Knopfloch einer Jacke. Lukas atmet tief ein. Atmet aus und geht hinaus.
Nur das Licht, nicht jedoch der Regen, ist weniger geworden. Passanten, die ihm entgegen kommen, gehen nicht länger spazieren, sondern flüchten. Lukas überlegt, sich ihnen anzuschließen. Das alles hier zu lassen, aber dieser Gedanke ist ihm nicht neu. Deswegen hat er gerade extra telefoniert und nochmals Bescheid gegeben. Jetzt ist Flucht keine Option mehr. Höchstens noch der Blaustern.
Gwen.
Die wenigen Menschen ziehen an ihm vorbei durch den Schauer, und so in Gedanken versunken wie er ist, mechanischen Schrittes, sind sie für ihn kaum mehr als dunkle, aufgeschreckte Vögel.
Donnerschlag.
Gwen.
Regentropfen laufen in seine Augen. Lukas tastet nach dem Pflänzchen. Es ist noch da.
Treppen, viele davon, überdacht von alten Bäumen, auf dem Weg zum Pavillon. Er schimmert im Laternenlicht als wäre er nicht aus verwittertem, weiß lackiertem Holz, sondern aus Elfenbein.
Gwen.
Regentropfen laufen aus seinen Augen.
Lukas setzt sich in den Pavillon und schaut seinen Atemwolken nach. Es ist kalt geworden. Er unterdrückt den Impuls, sich die Hände zu reiben oder sie in seine Taschen zu stecken. Die Kälte und das Frieren fühlen sich zu richtig an.
"Nicht erschrecken! Ich bin's!"
Oh Gott, nein.
Lukas springt auf und sieht sich um. "Ich erschreck mich schon nicht. Wo bist du?"
"Vor deiner Nase."
Lukas hört das Lächeln in ihrer Stimme. Bedächtig wie beim Blumenpflücken streckt er seine rechte Hand aus. Fährt langsam durch die Luft, langsam, langsam, bis – Gwen, Gwen, seine – Gwen die Hand ergreift und ihre andere über beide legt, als tröste sie einen verschreckten Vogel.
"Du hast eiskalte Hände, du holst dir noch den Tod. Wenig romantisch, wenn du mich fragst."
Lukas spürt, wie sein Gesicht heiss wird.
"Na", tadelt er sie schwach, "so schnell geht das schon nicht."
Gwen lacht so leise und zart, dass Lukas sich augenblicklich hasst. Noch mehr als sonst. Und als sie seine Hände loslässt und behutsam eine Umarmung andeutet, fällt es ihm daher leicht, die Arme zu kreuzen und sie ein wenig von sich weg zu schieben.
"Vorsichtig", murmelt er. "Ich habe etwas mitgebracht."
Erneut greift er sich an das Knopfloch, erfühlt die Blume und reicht sie ihr.
Gwens Finger an seinen, als sie den Blaustern an sich nimmt.
Verzeih mir, Gwen.
"Die ist hübsch. Was ist das für eine?" Die Blume schwebt, nein, tanzt vor Lukas Augen.
"Blaustern."
Verzeih mir, Gwen.
"Er hat auch eine Bedeutung", sagt Lukas, ganz ungefragt fällt ihm der Satz aus dem Mund.
Gwen schweigt.
"Du bist komisch, Henry. Was ist los?"
"Verzeih mir", sagt Lukas.
"Was?"
"Blaustern. Er bedeutet Verzeih mir. Verzeih mir, Gwen."

Alles geht so schnell. Die Blume, die tanzte, liegt am Boden. Während Lukas zurücktaumelt, er vielleicht nur drei Mal blinzelt, sind sie alle da. Tarnkleidung, Waffen im Anschlag. Sie brüllen, brüllen Worte, die Lukas nicht verstehen will. Gwen wehrt sich, Schnaufen, Gestalten kippen, kippen um. Ein Knall. Und der Schuss verfehlt sein Ziel, Gwen lacht kurz auf, nicht leise und zart, sondern ängstlich und verhöhnend zugleich.
Wie im Fieber rast nun Lukas' Blick umher, obwohl er weiß, dass das nichts bringen kann. Doch dann sieht er sie. Schimmernd im Regen, schimmernd im Laternenlicht. Reflexe und zarte Schatten zeichnen die Konturen seiner Gwen, die durchscheinende Gwen, Gwen die er verriet. Sie, Gwen, die Unsichtbare. Die unmögliche Frau. Gejagt. Gefunden. Blitze zerreissen den Himmel, Gwen ist da, Gwen verschwindet, Gwen ist da. Ihr langes Haar klebt strähnig in ihrem Gesicht, der Mund ist halb geöffnet und sie blickt ihn an. Vermutet er, denn sie ist ihm zugewandt, sie ist ja immer noch so geisterhaft durchsichtig wie immer schon – er starrt, ist eben erstarrt. Und zum ersten Mal wünscht er sich, dass sie wieder das sein möge, weswegen sie alle hier sind. Gwen, die wirklich und wahrhaftig, in keinster Weise metaphorisch nicht zu sehen, nicht da und daher praktisch nicht zu finden ist.





Endlich mal wieder eine Kurzgeschichte :) Durch die Arbeit am Roman habe ich ja meine andere Lieblingstextgattung leider etwas stiefmütterlich behandelt. Der Anstoß war dieses Mal ein kleiner forumsinterner Wettbewerb zum Thema "Gewitter". Zusätzlich erhöht habe ich den Schwierigkeitsgrad, indem Ramona und ich uns wieder zum KG-Schreiben verabredet haben, die Stichworte waren Gewitterregen, Spiegelbild, Blaustern (Blumenart).

Auslöser für eine Geschichte zu einer wahrhaftig unsichtbaren Frau ist mal wieder ein Traum, den ich hatte (ganz ehrlich, mir wäre sowas sonst niemals in den Sinn gekommen). In diesem habe ich allerdings alles aus Perspektive einer Unsichtbaren erlebt, die allen misstraut, außer ihren eigenen Leuten – weil sich natürlich Regierung, Militär etc. für sie interessieren, um das Geheimnis hinter der Unsichtbarkeit zu erfahren und für sich auszunutzen. Eins sehr actionreicher, spannender Traum war das :)

Übrigens: Auf Wattpad ihr ganz einfache Cover zu den Kurzgeschichten sehen! Einfach, weil sie immer ein ähnliches Schema haben werden und bei der Erstellung nicht zu viel Zeit fressen dürfen.

Stock-Foto von Issara Willenskomer.

Kommentare

  1. Zugegeben, wenn ich irgendwo über eine Kurzgeschichte stolpere, nehme ich mir viel zu selten Zeit, sie ausgiebig zu lesen. Hier bin ich aber sofort hängen geblieben... irgendetwas hat mich daran fasziniert. Du schreibst wundervoll - aber ich denke, das weißt du schon :) (Und ich hätte gerne noch ein paar hundert Wörter mehr gelesen!)

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    1. Hallo Bella, ich freue mich wahnsinnig, dass du reingelesen hast und noch mehr, dass dich Blaustern fesseln konnte ♥ Sowas ist das tollste Kompliment für jeden Autor! Und dass dir mein Schreibstil gefällt (wo ich bei den Kurzgeschichten doch immer die Befürchtung habe, dass er den Lesern zu experimentell ist), ist natürlich ebenso schön :D♥ Hach, danke :D

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