Sich nicht konsumieren lassen

2015/11/08
Konsum frisst nicht nur Geld – sondern auch Zeit und Gefühle. Foto © fieberherz.de

Anfang November riefen Apfelmädchen & sadfsh auf zur #Konsumauszeit. Motiviert wurden die beiden dadurch, dass ihnen ihr eigenes Konsumverhalten gegen den Strich ging und nun einmal "der Pausenknopf gedrückt" werden sollte – "als [e]ine bewusste Auszeit vom Kaufen. Um im Kopf und im Alltag mehr Raum für Kreativität, Beziehungen und neue (Lern)Erfahrungen zu schaffen".
Jetzt ist das hier kein Lifestyle-Blog, kein Minimalismus-Blog – hier geht es um's Schreiben und den daraus entstehenden Erkentnissprozess. Was hat hier nun eine Konsumauszeit zu suchen?


Eigene Inkonsequenz erkennen

Um zu meiner erweiterten Definition von Konsum und dem daraus resultierenden Bezug auf das Schreiben zu kommen, sei die Challenge in einem Satz grob erläutert: Man darf 30 Tage lang nichts Neues kaufen, das nicht wirklich notwendig ist (wie etwa rudimentäre Lebensmittel und Hygieneartikel).

Anfangs bildete ich mir ein, dass es ja nicht viel Handlungsbedarf bei mir geben könne, weil ich von Monat zu Monat am Existenzminimum lebe. Kino, schick essen gehen, ja selbst ein tägliches Brötchen beim Bäcker – alles Dinge, die bei mir seit Anfang des Studiums ohnehin nicht mehr drin sind.
Schnell musste ich bei genauem Überlegen feststellen, dass das nicht ganz hinhaute, mit dem "Ich kann mir ohnehin nur das Nötigste leisten" – denn das bedeutet nicht, dass man sich nicht dennoch Sachen "gönnt", die aufgrund ihrer abgehenden Notwendigkeit wirklich nicht hätten sein müssen. In meinem Falle kam ich dann auf Unnötiges wie zuviele Billig-E-Books (der SuB wird nur größer), Leih-Filme, Uni-Bücher (Kopieren ginge ja auch), Süßigkeiten und Kaffee auf der Arbeit.

Soweit, so gut optimierungsbedürftig. Das sind dann nun Beispiele dafür, dass es bei mir doch Bedarf gibt, aus der Konsumauszeit zu lernen. Wie ich jetzt aber nun darauf komme, das auf's Schreiben zu beziehen, erläutere ich im folgenden Abschnitt.
 

Wenn ich übersättigt bin, erstarren meine Augen und versteinert mein Herz.
– Unbekannt

Konsum ist nicht nur Geldsache

Wenn ich mich schon nun so sehr in mir selbst gettäuscht habe, was das Geldausgeben angeht, muss ich wohl annehmen, dass diese an Selbsttäuschung grenzende Inkonsequenz auch andere Lebensbereiche berührt.
Wo konsumiere ich denn noch? Ich kann Ware "konsumieren", sei es nun Essen, das ich in mich hineinstopfe, oder Dinge, die ich dekorativ in meine Wohnung stelle. Aber es gibt auch eine Ware, die aufgrund fehlender Haptik nicht immer als solche wahrgenommen wird: das Internet.

Damit kommen wir zu einem weiteren großen Thema in meinem Alltag (eng verbunden mit dem Schreiben): Zeitmanagement bzw. Disziplin in Organisation. Bislang bin ich davon ausgegangen, dass ich einfach nicht genug Zeit zum täglichen Schreiben habe, besonders nicht für so große Projekte wie dem NaNoWriMo. Da ich ja bei den Geldsachen so falsch lag, habe ich auch hier mal genauer hingeschaut. Feststellung:

Ich konsumiere zuviel Internet und merke es nicht einmal mehr. Das Gefühl, gestresst zu sein und keine Zeit mehr zu haben, ist lauter, als das monotone, ja, schon betäubende Empfindungsrauschen unproduktiven Rumsurfens im Netz.

Daher dann die somit nur noch bedingt zutreffende Annahme, ich hätte keine Zeit, täglich zu schreiben. Und gerade dieses Jahr wurmt es mich mehr denn je, nicht am NaNo teilnehmen zu können. Und das hirnlose Surfen im Internet (Facebook, tumblr, Foren etc.) und Binge Watching von Serien bringt mich der Beendigung des Romans auch nicht näher. Eine große Unzufriedenheit baute sich da bis vor kurzem bei mir auf – schizophrenerweise gebe ich dann übrigens mehr Geld für unnützes Zeug aus und surfe noch mehr unnötig im Netz. Also quasi als Trost, anstatt diese Dinge als Grund der Unszufriedenheit zu erkennen und "auszuschalten".  

Das, was ich konsumiere, hat begonnen, mich zu konsumieren. 

Der Versuch, Konsum irgendeiner Art und Weise zu instrumentalisieren, um mehr Zufriedenheit zu erreichen, hat das Gegenteil bewirkt. Und darunter leidet das Vermögen, Gutes zu erkennen und zu schätzen. Damit meine ich nicht nur Gutes im Umfeld, sondern Gutes an der eigenen Person.
Bezogen auf das Schreiben habe ich mich selbst und mein eigenes Vermögen, einen Roman zu schreiben, immer mehr hinterfragt. Die Disziplin anderer Autoren bewundert, bejubelt, aber nicht genug an mir selbst gearbeitet. Und motivierende Schreibzitate auf Pinterest zu sammeln und sich in Selbstmitleid zu suhlen, wie in letzter Zeit, ist keine Arbeit an der eigenen mangelnden Schreibdisziplin.


Abschalten, was mich auffrisst

Angespornt durch das eingeschränkte Konsumverhalten all derer, die an der Challenge teilnehmen, möchte ich die Konsumauszeit nutzen, mir ein dauerhaft gesünderes Geldausgeben, Zeitverbringen und Produktivsein anzugewöhnen.

Dazu habe ich einen sehr einfach formulierten Plan aufgestellt, den ich bereits seit 21. Oktober verfolge bzw. durch die Challenge noch ergänzt habe.

  • täglich 200 Worte schreiben – versäumte Tagesziele spätestens sonntags aufholen
  • Facebook, tumblr, Pinterest etc. nur 1x am Tag max. 30 Minuten insgesamt besuchen
  • Internetrecherche für Roman max. 30 Minuten pro Tag (bis auf Härtefälle, die das Weiterschreiben verhindern)
  • jeden Tag mind. 1 Stunde Unikram

Zum Schreiben benutze ich übrigens, wie bereits bei den letzten Schreiblaunen erwähnt, das Programm Freedom, das bestimmte Webseiten für eine selbst gewählte Dauer sperrt. Ich bin mir sicher, dass ich es sehr bald nicht mehr brauchen werde, weil sich mir die Frage nach Facebook etc. so schnell nicht mehr stellen wird – bis dahin ist Freedom aber eine hervorragende Hilfe.

Bislang kann ich nur Positives bemerken: Ich fühle mich ausgeglichener, weil ich so gut wie täglich am Roman sitze. Die großen / größeren Fortschritte, die andere bei NaNoWriMo machen, bewundere ich nach wie vor, aber sie zerfressen mich nicht mehr, sie lassen mich nicht länger schlecht fühlen.
Meine Wohnung war noch nie so ordentlich am Stück wie zur Zeit und auch meinen Unikram bekomme ich viel, viel besser auf die Reihe.

Es wäre wunderbar, wenn die einmonatige Challenge eine für's Leben bliebe. Denn so schickt es sich an, ein wesentlich entspannteres, erfolgreicheres zu werden. Aber das liegt nicht an der Uni, nicht an meinem Job, nicht am Shoppen oder am Internet. Sondern wirklich einzig und alleine an mir selbst. Gute Aussichten, wie ich finde :)



Wie sieht es mit euch aus? Zeichnet sich euer Tag durch gutes Zeitmanagement aus? Oder verstecken sich noch "Konsumfallen", die euch glauben lassen, euch fehlte die Zeit für Gutes?

Kommentare zu "Sich nicht konsumieren lassen"
  1. Das liest sich, als hätte es von mir sein können - also inhaltlich, nicht sprachlich ;D
    Rückblickend auf den Verlauf der letzten Jahre bei mir, kann ich genau das gleiche beobachten. Auch wenn sich mein klassisches Konsumverhalten mittlerweile recht diszipliniert verhält und nur noch wenige Ausläufer verzeichnet, so ist es doch etwas völlig anderes im Bezug auf das Internet und dergleichen. Allerdings beobachte ich bei mir auch seit einiger Zeit ein fallendes Interesse an Medien wie YouTube, Facebook & Co. So dass ich mich allgemein etwas ausgeglichener und entspannter fühle. Das wirkt sich auch sehr positiv auf die Ordnung im Haushalt aus und ich fühle mich wieder besser, wenn ich mich meinen Hobbies widme. Denn sonst hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn für meine Hobbies aber etwas im Haushalt liegen blieb *drop* Aber da geht sicher noch sehr viel mehr Disziplin ;) Vielleicht sollte ich mich auch so einer Challenge unterziehen, hihi ^^

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Auch wenn sich mein klassisches Konsumverhalten mittlerweile recht diszipliniert verhält und nur noch wenige Ausläufer verzeichnet, so ist es doch etwas völlig anderes im Bezug auf das Internet und dergleichen.
      Ja, es ist wirklich heftig, wie sehr das Verhalten bei den beiden Dingen auseinander gehen kann, oder? Kann mir das auch nur dadurch erklären, dass einem beim Ausgeben von Geld mehr Grenzen gesetzt werden, z.B. durch Kontostand an sich, Fixkosten, die man im Hinterkopf hat etc. pp. Bei der Freizeitgestaltung, gerade bei dem Internet-Teil, gibt es das nicht wirklich.

      Allerdings beobachte ich bei mir auch seit einiger Zeit ein fallendes Interesse an Medien wie YouTube, Facebook & Co. So dass ich mich allgemein etwas ausgeglichener und entspannter fühle. Das wirkt sich auch sehr positiv auf die Ordnung im Haushalt aus und ich fühle mich wieder besser, wenn ich mich meinen Hobbies widme.
      Danke, dass du deine Erfrahrungen hier mitteilst :) Ich freue mich auch, dass es so gut bei dir läuft! Ich hoffe, dass es bei mir auch so bleibt, denn momentan fällt es mir ab und zu schwerer, als es sollte. Dafür ist Belohnung aber um so besser :D

      Aber da geht sicher noch sehr viel mehr Disziplin ;) Vielleicht sollte ich mich auch so einer Challenge unterziehen, hihi ^^
      Kann es nur empfehlen :) Wie ich oben schrieb, ging ja auch erst einmal davon aus, dass es bei mir nicht wirklich groß zum Optimieren gibt... Womit ich völlig falsch lag :,)

      Löschen
  2. Mhm. Ich habe da auch schön öfter mal drüber nachgedacht: Was das Internet eigentlich mit meiner Zeit macht. Und bin da nach wie vor nicht ganz sicher: Auf der einen Seite frisst es viel Zeit, die ich selbstredend besser verbringen könnte - oder wenigstens produktiver. Aber auf der anderen Seite ziehe ich aus dem wilden Umherklicken - von Blog zu Blog, Bild zu Bild, Musik zu Musik - oftmals auch meine Ideen. Bewege mich ein bisschen wie im Sinne einer Assoziationskette á la Freud zu dem, was mich eigentlich gerade bewegt - und raus möchte. Schafft Klarheit.

    Liebe Grüße zu dir,
    Sarah

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Sarah Maria, danke erstmal für dein Feedback :)

      Ich denke, Zeitfluss und Zeitqualität sind Dinge, die man trennen sollte, auch wenn sie gerne ineinander verwoben sind – oftmals aber auch nur scheinbar. Ich glaube nicht, dass alle Zeit, die man so im Netz verbringt, von wirklichem Wert für sich selbst geprägt ist. Aber sicherlich zu einem Teil. Recherche und Inspiration für meinen Roman läuft zu 95% über das Internet ab. Missen wollte ich es nicht.

      In diesem Post ging es allerdings nie darum, dem Internet einen Nutzen und Gewinn abzusprechen. Sondern darum, dass zu viel zu wenig reflektierte Zeit darin einen auffrisst und vieles an Dingen und Gefühlen drumherum. Deswegen eben für mich: weniger Netz, mehr Bewusststein. Weniger Leere, mehr Genuss.

      Löschen
  3. Hallo Steffi,
    Interessante Gedanken. Das mit dem Internet stimmt bei mir leider auch... Toller Post!
    Und danke für dein Kommentar auf meinem blog! ;)
    Viele Grüße, Johanna

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hey Johanna, danke für dein Feedback :) Freut mich, dass der Post dir gefällt! Und hey, gerne ♥ Ist ja auch ein echt schicker Post, alleine, wenn ich daran denke, bekomme ich wieder Hunger... Freue mich auf's Ausprobieren ♥

      Löschen