Frauenfiguren und die Sache mit dem Stärkekonzept

2016/05/15
Frauenfiguren und die Sache mit dem Stärkekonzept - ein Gastpost von Hekabe von geekgefluester.de // Images do not belong to fieberherz.de and are property of their respective owner. // Grafik erstellt von fieberherz.de

Ein Gastpost von Hekabe von Geekgeflüster.

Ich bin ein Fan der "Princess Rap Battles" von Whitney Avalon. Die Videos haben meistens ein paar nette Gags, sind schlicht unterhaltsam, aber ganz besonders gefällt mir die bewusste Überzeichnung der gegeneinander antretenden "Prinzessinen", auch wenn diese Kategorie sich inzwischen deutlich auf weibliche Figuren auf Filmen und Büchern im Allgemeinen ausgedehnt hat. Vor gar nicht so langer Zeit kam aus dieser Reihe ein Clip, der, wie ich finde, sehr schön einen grundsätzlichen Denkfehler illustriert, der mir immer wieder zur Genüge sowohl in der Art, wie manche Figuren geschrieben sind, als auch in Form von Diskussionen unter Fans auffällt. Oder anders formuliert: Was braucht eine Figur eigentlich, um badass zu sein?

Meistens geht es in dieser Diskussion um Frauenfiguren, gerade weil diese Figuren es meistens sind, die gerade in lange (z.T. auch nur nach außen hin) sehr männlich dominierten Bereichen der Popkultur wie z.B. High Fantasy in der Hinsicht ein Defizit aufweisen, aber wenn wir ehrlich sind, lässt sich die Frage auch allgemein anwenden. (Man nehme nur die z.T. wirklich sehr stereotype Darstellung von Männern in Genres mit einer oft sehr weiblichen Zielgruppe wie dem Mainstream des Urban Fantasys. Mit so viele Muskeln, wie Männer nach manchen dieser Bücher haben müssten, kann vielleicht maximal ein Profisportler aufwarten.)

   

Konzepte von Stärke: "The difference between you an me is book knowledge and street smarts."

Das Princess Rap Battle zwischen Hermine Granger (Harry Potter, gespielt von Molly C. Quinn) und Katnis Everdeen (Die Tribute von Panem, gespielt von Whitney Avalon) zeigt dabei in der für diese Videos typischen Überzeichnung der Figuren sehr schön zwei verschiedene Konzepte für den Figurentypus einer "starken Frau" bzw. einer "starken Figur" im Allgemeinen auf. Katniss, deren Stärke sich am meisten anhand von Gewalt oder der Konfrontierung der Figur damit zeigt und die auch selbst körperlich sich gut verteidigen kann, auf der einen und Hermine, die zwar auch zu Kampf und Gewalt gezwungen ist, sich aber sehr viel länger und mehr durch charakterliche Stärke und Intelligenz charakterisiert bevor es überhaupt zu Gewalt kommt, auf der anderen Seite. (Konkret im Video formuliert sagt Katniss z.B.: "The difference between you an me is book knowledge and street smarts.".)
Damit werden zwei komplett verschiedene Entwürfe aufgemacht, die beide ihre Pros und Cons haben – darauf will ich nicht hinaus – deren Vergleich aber sehr spannend sein kann, gerade wenn man sich einmal die Frage stellt, wo eigentlich jetzt Klischees bei Frauenfiguren beginnen und wo sie aufhören.



Nehmen wir doch die Stark-Kinder aus Game of Thrones bzw. die beiden Schwestern Sansa und Arya: Arya gilt als Publikumsliebling und ich kann es auch verstehen. Sie ist selbstbewusst, dickköpfig und mutig. Sie passt kein Stück in die Rolle einer Lady, die gesellschaftlich für sie vorgesehen gewesen wäre, und ist so de facto eine Außenseiterin des gesellschaftlichen Systems, in das sie geworfen wird. (Und wir wissen: So ziemlich jeder mag die missverstandenen Außenseiter, die für sich selbst und ihre Träume kämpfen.) Sansa dagegen ist ganz genau geschaffen für diese Welt, sie ist im Grunde ein perfektes Kind, und Aryas Neid und die damit verbundene Missgunst Sansa gegenüber ist nachvollziehbar. Ich mag Sansa trotzdem, weil sich ihre Stärke auf ganz andere Weise entwickelt. Sie muss in dem Schlangennest von Königsmund/King's Landing zu überdauern und überleben lernen und bekommt das auch (im Verhältnis) erstaunlich gut hin. Sie ist im Grunde körperlich schutzlos, lernt aber sich durch taktisches Verhalten in Form von Manipulation, der Erkenntnis, wann sie besser schweigt und wann sich einmischt, etc. sich zu verteidigen.
Ist sie (oder die vom Typ her recht ähnliche und wie ich finde einfach nur eine ältere Version verkörpernde Cersei) jetzt schwächer als Arya (oder – um noch einmal den Vergleich mit einer "älteren" Version zu bedienen – Brienne)? Oder am Ende automatisch das Klischee einer Jungfer in Nöten? Nicht zwingend.
Und damit sind wir wieder bei der Ausgangsfrage: Was braucht eine Figur eigentlich, um stark, um badass zu sein?

   

Was ist eigentlich der gemeinsame Nenner dieser Figuren?

Sehen wir uns doch mal verschiedene Figuren an: Was haben fiktive Frauen wie Hermine Granger, Katniss Everdeen, Sansa und Arya Stark, Cersei Lannister, aber auch Selene (aus den Underworld-Filmen), Stahma Tarr und Doc Yewll (Defiance), Lagertha (Vikings), Jessica und Tara (True Blood) und selbst ein paar wenige Figuren aus Games wie z.B. Lara Croft, Evie (Assassin's Creed Syndicate) oder vermutlich in Zukunft auch Emily Kaldwin (jedenfalls nach dem, was der Trailer zu Dishonored 2 vermuten lässt) gemeinsam?
    
Das soziale und/oder gesellschaftliche Umfeld variieren, die Umstände, in denen sich das, was von den Konsumenten als Stärke angesehen wird, sind unterschiedlich und selbst charakterlich klaffen diese Frauen oft weit auseinander. Man vergleiche nur z.B. Stahma Tarr, eine Strategin und sich nach außen gerne sanft gebende Frau, mit Tara, die unglaublich impulsiv sein kann, wenn sie sich selbst endlich sicher wissen will.
Das, was bleibt, ist eine Fähigkeit zu einer gewissen Selbstständigkeit, die Fähigkeit, sich auf irgendeine Weise zu verteidigen, zu schützen oder zumindest sich zu helfen zu wissen. Katniss ist während der Hungerspiele darauf angewiesen, sich um sich selbst zu kümmern und aus eigener Kraft (sprich: körperlich) für sich zu kämpfen, die psychischen Faktoren, die ihr Tiefe verleihen, folgen erst in einem zweiten Schritt. Hermine definiert sich über eine sehr lange Zeit vor der Schlacht um Hogwarts hinweg sehr stark darüber, dass sie im Zweifelsfall immer in der Lage ist, mit Büchern und Wissen Probleme zu lösen. Harry will herausfinden, ob Malfoy die Kammer des Schreckens geöffnet hat? Hermine recherchiert einen Trank, damit das Trio sozusagen "undercover" Malfoy dazu befragen kann.

Oder um noch ein Vergleichsbeispiel zu geben: Lagertha aus Vikings ist eine Schildmaid, eine Kämpferin und wer blöd genug ist, sich mit ihr im Kampf anzulegen, zieht oft genug den kürzeren, auch wenn sie (ähnlich wie Katniss) in einem zweiten Schritt z.B. über ihre Familie und ihre politischen Ambitionen mehr Tiefe verliehen bekommt. Sie kann sich körperlich wunderbar verteidigen und wirkt so sehr leicht, sehr stark. Cersei Lannister dagegen ist (obwohl sie wie Lagertha viel an Tiefe über ihre Familie erhält) in den engen Rahmen ihrer Rolle als Königin(-mutter) gezwängt und kann so als Lady von Ansehen und Stand offiziell nur über Taktik und Manipulation agieren. Sich mit ihr anzulegen, ist dennoch gelinde gesagt eine dumme Idee (Hallo, Ned Stark!), einfach weil sie immer weiß, welche Fäden sie ziehen muss, um sich selbst gegen ihre Gegner zu verteidigen. (Und wo wir schon bei den Lannister-Kindern sind: Dasselbe lässt sich übrigens im Vergleich auch auf den als idealen Ritter und körperlich starken Jamie im Vergleich mit dem Zwerg, aber dafür hochintelligenten Tyrion anwenden und ist damit also wie gesagt kein rein weibliches Phänomen.)

   

Die Lösung zwischen starken Figuren und Klischee? Es ist kompliziert.

Sie schaffen es, sich in schwierigen Situationen zu bewähren, egal, ob mit Gewalt, Manipulation, starken Nerven o.a. Das ist ein sehr abstrakter gemeinsamer Nenner, aber einer, den man denke ich nicht vergessen sollte, weil er wenigstens teilweise die Antwort auf meine Ausgangsfrage stellt. Figuren sind nicht nur dann stark oder bewundernswert, wenn sie körperlich unschlagbar sind, sondern auch wenn sie Herz, Geist und Witz haben. Konflikt macht eine Story und die Überwindung eines Konflikts sollte für eine Entwicklung bei einer Figur sorgen und so eine Veränderung anstoßen.
Und damit ist auch die entscheidende Schwelle zwischen Klischee und einer spannenden Figur erreicht: Die meisten Figuren dürften im Kopf eines Autors als recht rohe Stereotypen, als Klischees beginnen, der Knackpunkt sind die Ebenen, die auf diese erste grobe Form gelegt werden.

Zurück zu meinem Beispiel Cersei: Das Klischee in ihrem Fall wäre wohl das der manipulativen Hexe, die skrupellos mordend dem Rest der Welt das Leben schwer macht. Ein Klischee, das (im übrigen wie z.B. dass Gift die Waffe der Frauen sei) uralt ist. Das Motiv von Herrscherinnen bzw. weiblichen Adeligen, die angeblich dreimal so manipulativ sind wie alle anderen am Hof, gibt es schon bei antiken Geschichtsschreibern. (Die Klischee-Variante wäre z.B. konkret Milady aus Die drei Musketiere, auch wenn ich diesen Roman eigentlich sehr liebe.) Der Punkt, an dem sie über dieses Klischee hinaus geht, ist der, an dem ihre Familie ins Spiel kommt: Die - sagen wir komplizierte - Beziehung zu ihrem Zwillingsbruder, die Liebe zu ihren Kindern, die Wut darüber, dass sie nur weil sie eine Frau ist, komplett andere Chancen hat als z.B. Jaime.

Dasselbe Spiel ließe sich übrigens auch z.B. mit Doc Yewll (Defiance) spielen und das obwohl die Figur in der Serie relativ wenig Raum für Tiefe und Entwicklung bekommt: Die Rohform zu ihr ist schlicht der Typus einer Streberin, einer Wissenschaftlerin, die immer, wenn der Held verletzt ist, drei Sätze sagen darf, mit denen sichergestellt ist, dass das Publikum auch weiß, ob dieser Held jetzt durchkommt oder nicht. Sie entspricht diesem Klischee auch so weit, als dass sie sehr kühl und nur auf ihre Arbeit fixiert ist, im Laufe der Zeit erfährt man aber auch, an was für Experimenten sie beteiligt war und was für einen inneren Kampf sie z.T. hinlegt, nicht weiter Schuld auf sich zu laden.

Lange Rede, kurzer Sinn: Gute Figuren haben wie Zwiebeln mehrere Schichten. (Wer das Zitat erkennt, bekommt einen virtuellen Keks!) Eine Figur, die schwach wirkt, kann durch eine neue Ebene, eine weitere Dimension an Tiefe und so an relativer Stärke gewinnen. Denn natürlich ist auch Stärke ein relatives Konzept, das immer davon abhängt, wo der Bruch mit dem Klischee, das am Anfang steht, erfolgt. Er muss nur irgendwo erfolgen. Oder eine Figur ist nur die millionste Kopie eines uralten Konzepts (wie z.B. Bella Swan, eine chronische Jungfer in Nöten).

Kommentare zu "Frauenfiguren und die Sache mit dem Stärkekonzept"
  1. Cooler Artikel, ich fand das sehr schön, wie du diese unterschiedlichen "Stärken" herausgearbeitet hast!

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  2. Sehr schöner Beitrag :) Kann man eigentlich kommentarlos so stehen lassen, weil alles gesagt ist.
    Nur so viel: Mir ist Sansa mittlerweile lieber, weil sie meiner Meinung nach eine deutlichere Entwicklung durchmacht als Arya, aber ich denke, bei Arya kommt das jetzt auch noch.
    Wichtig ist vor allem auch, dem Zuschauer/Leser etc die Motivation der Figuren klar zu machen, was im Idealfall natürlich über die verschiedenen Schichten geschiet. Ich finde es doof, was Cersei macht, aber ich VERSTEHE, warum sie es macht. Es ist gut begründet und damit wird entweder das Klischee gebrochen oder aber das Klischee stört mich nicht mehr.

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    1. Die geringere Entwicklung bei Arya war mir bisher gar nicht so bewusst, stimmt aber natürlich. Und gerade die Sache mit dem Verstehen der Motivationen halte ich aber übrigens auch für einen ganz wichtigen Schlüssel zu einem richtig spannenden Antagonisten.

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