SLIDER

Interview mit Autorin Julia Mayer

Interview mit Autorin Julia Mayer auf fierberherz.de // Foto © Julia Mayer
Foto © Julia Mayer

Für das zweite Interview auf diesem Blog konnte ich die tolle Julia Mayer gewinnen, ebenfalls eine derjenigen, die mich enorm inspiriert für meine Arbeit am eigenen Buch. Ich liebe insbesondere ihre Charaktere, wie in der Old Souls-Reihe, Séance oder Frostbiss und auch ihren Hang zum Dunklen und Melancholischen.




Autorin

Julia Mayer, 23 Jahre alt. Seit Ende 2012 als Selfpublisherin und zusätzlich als Korrektorin tätig, lebt in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Verfasst seit ihrem 14. Lebensjahr Geschichten, die irgendwann zu Romanen wurden. Schreibt vor allem, um ihre Gedanken zu »reinigen« und sich von den Dingen im Leben, die sie nicht so leicht verarbeiten kann, zu lösen. Wenn sie nicht schreibt, ist sie nicht mehr sie selbst, sondern ähnelt »eher einem hypersensiblen Wrack«. Arbeitet momentan an der Veröffentlichung eines Jugend-Fantasy-Romanes über Gestaltwandler (»Fuchsnacht«), dem vierten Band der Old Souls-Buchreihe (»Die Schar«) und an einem Jugendroman über ein Mädchen mit Be​rüh​rungs​äng​sten mit Titel »Sie sagen Van Gogh hat gelbe Farbe gefressen«.

oldsouls.de | Veröffentlichungen



1. Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie viel planst bzw. plottest du vor für das Schreiben?

Uff. 7, würde ich sagen. Ich plane vieles, aber letzten Endes setze ich das Wenigste davon um. Bei mir hängt das stark davon ab, was für ein Projekt ich schreibe. Bei Fantasy-Romanen benötige ich mehr Planung, die über das Erschaffen einer dicht gewebten und logischen Welt hinausgeht. Für »Séance« musste ich für mich eine sogenannte Detailplanung erstellen, die pro Kapitel etwa 800 Wörter umfasste und bereits alles abdeckte, was an Handlung und Setting möglich war. An diese habe ich mich dann auch größtenteils gehalten, selbst wenn mir das schwer gefallen ist. Für meine Jugendromane sammle ich viel Hintergrundwissen an und erstelle Charakterbögen, aber nicht alles schafft es in den Roman – und ich verzichte auf detaillierte Plotplanung, sondern lasse mich von den Charakteren leiten. Eine gute Mischung ist meiner Meinung nach unverzichtbar und ich probiere gerne mal neue Methoden aus, anstatt mich an ein System zu klammern.


2. Welche Hilfsmittel verwendest du?

Ich verwende momentan größtenteils meinen ASUS-Laptop als Schreibgerät, zusätzlich zu ein paar Notizbüchern, die ich mit Krims-Krams fülle, weil ich permanent Angst habe, etwas zu vergessen. Viele gute Ideen sind mir schon durch die Lappen gegangen, weil ich sie nicht aufgeschrieben habe. (Und ich bin auch sonst sehr vergesslich.)
Als Schreibprogramm habe ich Scrivener auf meinem Laptop. Lange Zeit habe ich in OpenOffice geschrieben, aber seit ich mich einmal in Scrivener eingearbeitet habe, ist es für mich unverzichtbar geworden. Alles an Planung, Recherche, Text und Bildern an einem Ort zu haben, und das auch noch mit einem Programm, das mich seit Jahren davor bewahrt, mein Geschriebenes zu verlieren, ist eine enorme Erleichterung. (In etwaigen anderen Schreibprogrammen sind mir schon zu viele Texte abhanden gekommen. Scrivener hat noch nicht einen einzigen geschriebenen Satz von mir gefressen, ist somit einfach zuverlässiger als alles andere.)
Musik höre ich beim Schreiben gerne mal, wenn auch nicht immer. Dafür verwende ich Spotify, da sich dort auch meine etwaigen Roman-Playlists angesammelt haben.

Es gibt auch noch einige Webseiten, die ich nutze. Am Wichtigsten ist für mich dabei Habitica, eine Seite, auf der man seine täglichen Aufgaben, seine Gewohnheiten und auch seine einmaligen To-Dos eintragen und spielerisch abarbeiten kann. Es ist im RPG-Maker-Stil gehalten – da ich mit spielerischem Lernen groß geworden bin, hat es mich sofort angesprochen und ich mag darauf nicht mehr verzichten. Eine Seite, die ich nutze, um meine Buchveröffentlichungen und Marketingstrategien, ebenso wie den Fortschritt beim Schreiben, Überarbeiten und Korrekturlesen, im Überblick zu behalten, ist Trello.



3. Ist das Arbeiten an deinem aktuellen Werk immer wieder in deinem Terminkalender notiert, oder entscheidest du spontan?

Spontan schreibe ich gar nicht mehr, außer es reißt mich gerade wirklich mit. Wenn ich Zeit hätte, auf die Muse zu warten, würde ich nie zum Schreiben kommen. Ich weiß, das will immer keiner hören, aber ich glaube fest daran, dass eine tägliche Schreibroutine unerlässlich ist, wenn man AutorIn ist. (Oder sein möchte.) Zusätzlich muss ich dazu sagen, dass ich hauptberuflich schreibe, sodass ich mir meine Zeit selbst einteilen kann. Also ja, »Schreiben« steht jeden Tag auf meiner To-Do-List und ich nehme mir auch nur selten einen Tag frei davon. Dafür gibt es aber durchaus Tage oder gar Wochen, in denen meine Wortzahlen zwischen 10 und 500 Wörtern herumkrabbeln. Aber eine 0 in meiner Schreibtabelle bei den geschriebenen Wörtern einzutragen, tut mir einfach zu sehr weh.


4. Hast du ein "Schreibritual"?

Das variiert bei mir sehr stark, aber wenn ich in einer guten Phase bin, habe ich zumindest festgelegte Tageszeiten. (Wie: morgens 1000 Wörter schaffen und abends noch einmal eine Schreibsession einlegen, in der ich meist 1000 bis 2000 Wörter heran hänge.) Mittlerweile gehört für mich auch dazu, dass ich vor dem Schreiben das Geschriebene vom Vortag korrigiere, um noch etwaige Fehler (vor allem inhaltliche Fehler und Formulierungsgrässlichkeiten) auszumerzen. Aber auch das ist nicht wirklich ein »Ritual«. Gerne würde ich sagen, dass ich mir vorm Schreiben immer eine Tasse Tee mache oder mein Haar zurückbinde, aber bis auf die Tatsache, dass ich vorher gerne durch meine Planung klicke oder mir mein Storyboard auf Pinterest angucke, um besser in die Geschichte zu kommen, leiste ich eigentlich keine rituelle Vorarbeit. Die entzückende Magie kommt dann von allein beim Schreiben. (Wenn auch nicht immer, meine Muse ist nämlich gerne zickig.)



5. Woher nimmst du deine Inspiration?

Ich nehme meine Inspiration täglich mehrfach ran, die steht da drauf. *bodom tss* Nein, ehrlich? Ich bin nicht sehr oft besonders inspiriert. Das heißt nicht, dass ich keine Lust aufs Schreiben habe (ganz im Gegenteil) oder dass mir meine Geschichten keinen Spaß machen, sondern einfach, dass ich nicht weiß, wo die Inspiration herkommt und wo Ideen herkommen oder wie es sein kann, dass ich manchmal förmlich glühe beim Schreiben und nicht mit dem Tippen hinterher komme, während ich an anderen Tagen jedes Wörtchen aus meiner inneren Ideenziege wringen muss. Inspirierend ist vieles, aber nichts ist sonderlich zuverlässig. Manchmal nimmt mich ein Film so emotional mit, dass in meinem Kopf die Räder zu rattern anfangen und »Was wäre wenn«-Gedanken Form annehmen. Manchmal reicht es auch, sehr früh morgens rauszugehen, wenn der Wind noch still über den Feldern steht und die Luft sich auflädt, oder im Winter, wenn der Schnee von den Bäumen tropft … und dann sind da Worte oder Charaktere und Szenen und dann muss ich ganz schnell schreiben gehen, bevor die Muse beleidigt abzischt (die Attention Whore). Aber Inspiration ist nie garantiert, sonst würde es ihren Reiz verlieren, nach ihr zu suchen.



6. Was ist deine Ansicht zum Thema 'Schreibblockade'?

Ich hasse es, wenn andere AutorInnen behaupten, dass es so etwas wie eine Schreibblockade nicht gäbe. Für sie vielleicht nicht, aber das zu generalisieren, macht mich fuchsteufelswild. Jeder nennt es anders, manche kämpfen sich hindurch und siegen, andere verkriechen sich und lassen es erst mal bleiben, bis sie nicht länger vor Angst zittern. Ich für meinen Teil befinde mich im Normalfall in einem angenehmen Zwischenstadium von Frustration und Inspiration. Dann schreibe ich, selbst wenn ich mich nicht so fühle und selbst, wenn ich eben die Ziege quälen muss. Dann schreibe ich, weil nicht-schreiben keine Option ist. Dann habe ich aber auch keine Schreibblockade, sondern das ist der normale Alltag, da ist eben nicht jeder Tag gleich, nicht jede Seite gleich, nicht einmal jeder Satz gleich.
Aber ich hatte auch schon richtige Schreibblockaden, als wochenlang nichts mehr ging. Für mich habe ich erkannt, dass es meist daran liegt, dass meine Geschichte nicht funktioniert. Dass die Handlung faul schmeckt. Und der Gedanke, es umzuschreiben, lähmt mich vor Angst. Und diese Angst ist bei mir die größte Schreibblockade von allen und ich denke auch, dass das bei vielen AutorInnen ähnlich ist. Ob Versagensangst, Angst vor Blamage, Angst vor den eigenen Ideen oder davor, dass man seine Zeit verschwendet … Angst ist Angst. Die zu überwinden ist nicht leicht. Ich kann nur raten, dass man sich jemanden sucht, der einen dabei an die Hand nimmt. Nicht unbedingt jemanden aus der Familie, von dem man denkt, dass der »einen ja lieben muss« oder »meine Bücher selbst mag, wenn sie schlecht sind«, sondern jemanden, der den Text liest und genau sagen kann, was nicht stimmt. Und der Verbesserungsvorschläge anbringt. Dieser Person sollte man über alle Maßen vertrauen und man sollte einander immer respektieren, denn gerade in einer Schreibblockade ist man unendlich empfindsam – jedenfalls ist das bei mir so.

7. Welcher Gedanke motiviert dich, immer weiter am Ball zu bleiben für deine Projekte?

Wäre ich zynisch, würde ich jetzt sagen: »Weil ich nichts anderes kann«, aber das ist nicht sehr motivierend, sondern eher deprimierend. Und ich will jetzt nicht zynisch sein. Ich denke … mich motiviert der Gedanke am meisten, dass ich die Geschichte nicht genug würdige, wenn ich sie nicht zu Ende schreibe. Oder wenn ich mich dem verwehre. Meine Charaktere motivieren mich, weil sie etwas Besseres verdient haben, als halbgar in der Schublade zu versauern. Und zusätzlich ist es mir auch einfach nicht möglich, mit dem Schreiben aufzuhören. Ich stecke selbst zu tief drin (nicht in der Scheiße, auch wenn es jetzt so klingt), ich bin unruhig, solange ein Buch nicht fertig ist. Ich bin rastlos und ich will schreiben, schreiben, schreiben, selbst an den Tagen, an denen ich nicht schreiben will. Das Schreiben und ich haben definitiv eine interessante Beziehung, man könnte sagen: Es ist kompliziert.



8. Was würdest du Leuten mit auf den Weg geben, die selber davon träumen, ein Buch zu schreiben?

Schreib! Träume nicht (nur) davon, sondern schreib. Selbst wenn du Vollzeit als NuklearforscherIn arbeitest, schreib. Selbst wenn du denkst, dass das, was du schreibst, totaler Mist ist: schreib. Schreib, egal welches Wetter draußen ist, denn das Wetter hat damit überhaupt nichts zu tun. (»Aber es schneit gar nicht, ich fühle mich nicht inspiriert!« ist ungefähr so ein sinnvoller Satz wie als wenn ein Koch sagen würde: »Die Sonne scheint nicht, also schäle ich heute keine Kartoffeln!«) Schreib, wenn du uninspiriert bist und schau dir an, was du selbst auf Sparflamme erreichen kannst. Und dann schreib mehr und schreib weiter. Wenn dir jetzt noch Ausreden einfallen, willst du vielleicht nicht verzweifelt genug schreiben und wer nicht verzweifelt schreiben will, hat vielleicht etwas anderes, für das er brennt, aber das nichts mit dem Schreiben eines Buches zu tun hat. Träume sind gut, Träume sind wichtig, aber sie sind nutzlos, wenn man nicht das Einfachste und zugleich Schwerste tut, um sie umzusetzen: Und in diesem Fall ist das eben das Schreiben selbst.

Und dann, um das Ganze von einer anderen Warte aus zu sehen: Nimm nicht alles für voll, was andere sagen oder schreiben. Was für eine Person funktioniert, lässt sich nicht immer auf einen übertragen. Filtere aus allem, was du über das Schreiben liest (und ich hoffe, dass du über das Schreiben liest), das heraus, was für dich Sinn macht. Wenn alles, was ich hier sage, gegen deine Grundeinstellung geht, dann lass es links liegen. Man kennt sich selbst am Besten. (Auch wenn ich dafür plädiere, sich nicht neuen Ansätzen zu verschließen, vor allem nicht als AutorIn oder Schreiberling.)

Ja, ich denke, das ist es, was ich einem Träumenden mitgeben wollen würde.

Kommentare

  1. Ein sehr schönes Interview mit einer ganz tollen Autorin <3 Ihre Antwort auf die Frage Nr. 7 "Weil ich nichts anderes kann" würde auch gut zu mir passen. Insgesamt finde ich das Interview sehr motivierend und ich habe grade richtig Lust, an meinen Projekten weiterzuarbeiten.

    Ganz liebe Grüße,
    Myna

    AntwortenLöschen
  2. Das Interview gefällt mir wirklich gut, durchdachte Fragen und gehaltvolle Antworten.

    AntwortenLöschen


IMPRESSUMHAFTUNGDATENSCHUTZKONTAKT
© F I E B E R H E R Z • Theme by Maira G.