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Sieben erste Sätze

Erste Sätze und ihre Wirkung.  // Foto © fieberherz.de


Gestern stolperte ich über einen sehr schönen Blog-Beitrag der Autorin Sophia Suckel, in welchem sie spannende erste Sätze aus verschiedensten Büchern bespricht. Und heute ziehe ich da auch mit und zeige euch schöne erste Sätze aus meiner Print-Sammlung.
Die Sache mit dem ersten Satz beschäftigt irgendwo jeden Autor und und spielt auch als Leser für mich eine große Rolle. Wie viele andere auch, lese ich gerne die ersten paar Sätze eines neuen Buches an, bevor ich mich zum Kauf entschließe oder nicht.

Grundsätzlich mag ich nicht, vom ersten Satz getäuscht zu werden. Das heißt, er sollte schon den Inhalt und/oder Stil des Buches versinnbildlichen. Und, natürlich, neuigierig machen auf etwas und dieses "etwas" auch irgendwie aufklären. Richtige Do's & Dont's gibt es für mich persönlich nicht, auch wenn manche Schreibratgeber hier sicherlich etwas anderes zu dem Thema sagen würden.


Sie tauchen jetzt häufiger auf, die beiden, und bei jedem Besuch wirken sie ungeduldiger, mit mir und mit der Welt.
Colm Tóibín - Marias Testament
Wer "die beiden" sein mögen, überlegt man hier direkt und wer der Erzähler? Warum die Ungeduld? Ein für Unilektüre unerwartet interessanter Einstieg in das Thema der Figur Marias, der Mutter von Jesus, der mich dazu gebracht hat, dieses Buch in einem Rutsch durchzulesen (was bei seiner Kürze auch gut funktioniert). Der Erzählton der Maria wird hier, wie man später begreift, direkt aufgegriffen und verdeutlicht - sie spricht gerne poetisch, schleicht um Wahrheit und Emotion gerne bildhaft herum und lässt viel Raum für Interpretation. Ich empfehle das Buch übrigens sehr, weil es, entgegen manch anderer Interpretation von Jesus und seiner Mutter Maria, diese Frau vorrangig als Mutter und Ehefrau portraitiert und absolut nicht als Gläubige. Mutige Herangehensweise, wunderbar umgesetzt.



Eines schönen Morgens im April komme ich auf einer kleinen Seitenstraße in Harajuku an dem 100%igen Mädchen vorbei.
Haruki Murakami - Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah
Man könnte jetzt sagen, dass es irgendwo plump wäre, den Titel einer Kurzgeschichtensammlung direkt im ersten Satz der ersten Erzählung aufzunehmen. Oder die Sammlung nach dem ersten Satz der ersten Erzählung zu benennen. Ich persönlich wurde durch den Buchtitel sehr neugierig gemacht und der erste Satz hat mich in dieser Neugier bestärkt. Was ist ein 100%iges Mädchen? Der namenlose Erzähler versucht das selber zu begreifen und scheitert vielleicht ein bisschen. So wie es Murakamis Figuren häufig tun. Aber diese Uneindeutigkeiten habe ich an seinen Werken zu lieben gelernt, daher ist dieser Satz für mich immer noch perfekt.



Der Brief liegt wie ein schlafender Vogel auf der Fußmatte.
Julia Mayer - Séance
Was ist das bitte für ein wunderschönes Bild? Und gemessen an seinem Inhalt und das Gefühl, das der Brief letztlich in Protagonist Alexej auslöst, auch noch ein wunderbar subtiler Kontrast, wie man ihn erst am Ende der Seite als solchen begreift. Der Brief an sich – die Unschuld. Erst das Wissen um seinen Inhalt bringt in Alexej negative Erinnerungen an die Oberfläche. Einfach ein sehr schöner Start in eines meiner Lieblings-Indie-Bücher 2015!


Als sie in diesem Land ankam, war ihr Körper schon ausgewachsen, ihre Knochen hatten genug antidopische Substanz angelagert, dass sie bis zu ihrem Tod reichte, ihr Haar, das in der südlichen Sonne früher flammendrot geleuchtet hatte, wurde in der neuen Hemisphäre stumpf und staubfarben, und sie war dreißig, unvermählt, abgesehen von ein paar ehebrecherischen Monaten mit einem amerikanischen Schriftsteller (von eigenen Gnaden), der morgens aufwachte und sagte:
    - Ich schreibe am besten mit leerem Magen,
    einen kleinen Zettel aus seiner Tweedjacke zog, die am Ende des Doppelbettes hing, und eine Zeile schrieb.
Janet Frame - Dem neuen Sommer entgegen
Wie oft man liest, solch langen Sätze nicht zu benutzen. Und doch findet man sie immer wieder; mir ist das gleich. Denn alles darin hat mich gleich fasziniert (außerdem habe ich gelernt, was antidopisch bedeutet), die Reihung, die Bilder, der nüchterne Ton, die "fast überwachende Genauigkeit" (Klappentext). Vor allem drängt dieser lange Satz dazu, sich zu entscheiden: Kommst du, lieber Leser, mit solch einer Schreibe klar im weiteren Text? Ich entschied mich einstmals für dieses Buch, ein autobiographischer Roman über eine junge Schriftstellerin aus Neuseeland.



Acht Jahre lang hatte ich von Feuer geträumt.
Vanessa Diffenbaugh - Die verborgene Sprache der Blumen
Ist das so, oder doch "nur" eine Metapher? Das habe ich mich zumindest zu Beginn gefragt. Und: Warum träumt jemand von Feuer, was ist geschehen oder nicht geschehen? Was verzehrt jemanden derart? Tatsächlich hatte die Hauptfigur Victoria kein leichtes Leben. Blumen und Metaphern sind das, was ihr aber immer bleibt. Daher macht der Satz sehr viel Sinn, leitet wunderbar ein in dieses Buch, das ich tatsächlich aufgrund der ersten Sätze entschied zu kaufen.



Ich zögere, diesem fremden Gefühl, dessen sanfter Schmerz mich bedrückt, seinen schönen und ernsten Namen zu geben: Traurigkeit.
Françoise Sagan - Bonjour tristesse
Muss ich dazu noch viel sagen? Außer vielleicht: Dies war der erste Satz, den ich jemals von Sagan las. Und wo der Titel mich schon neugierig gemacht hatte, war es dieser kunstvolle erste Satz, der mich zum Kauf bewegte. Es folgten weitere Sagan-Bücher, aus denen ich sicherlich noch weitere schöne erste Sätze ziehen könnte.



Much later, Nora would learn magic for dissolving glue or killing vermin swiftly and painlessly or barring mice from the house altogether, but that morning - the last normal morning, she later thought of it - as she padded into the kitchen in search of coffee, she was horribly at a loss when she saw the small brown mouse wriggeling on the glue trap  in front of the sink.

Emily Croy Barker - The Thinking Woman's Guide to Real Magic
Dieses Buch habe ich noch nicht gelesen - ich habe es bei Who is kafka? und Stehlblüten gesehen, auf Amazon für knapp 3€ (neu und inklusive Versand!) gefunden und dann tatsächlich gekauft, ohne es anzulesen. Das ist für mich sehr ungewöhnlich, aber ich glaube, es könnte sich dennoch gelohnt haben. Denn diesen ersten Satz finde ich schon spannend, weil so wunderbar gegensätzlich. Er deutet kommende Ereignisse an und kontrastiert sie mit dem Jetzt. Es ist so unglaublich schade, dass ich gerade nicht zum Lesen komme :(




Wie sieht es bei euch aus? Welche ersten Sätze welcher Bücher haben es euch angetan?

Kommentare

  1. Fahrenheit 451:
    "It was a pleasure to burn". <3

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    1. Oh wow! Ich habe das Buch in der 5. oder 6. Klasse zuletzt gelesen und kann mich daher gar nicht an so einen spannenden ersten Satz erinnern! Danke für's Zeigen (und quasi das Erinnern, dass ich dieses Buch nochmals lesen sollte) ♥

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  2. Ich glaube, ich habe meine Abend füllende Aufgabe für heute gefunden: Die schönsten ersten Sätze aus meinem Bücherregal suchen und finden. Sind ja nur knapp 500. ^^

    Aber du hast da wirklich schöne Sätze rausgesucht und tatsächlich kenn ich nur ein Buch von all denen. Nämlich Bonjour tristesse und davon hab ich auch nur das Hörbuch mal angefangen.
    Hach ... ich will wieder mehr lesen.

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    1. Haha, sehr gut :) Und ich wünschte, ich hätte so viele Bücher zur Auswahl gehabt, leider schlummern die meisten in der Heimat...

      Das mit dem Lesen wollen kann ich so gut nachvollziehen! Die Uni macht es mir leicht, Buchweh zu haben :( Aber wir kommen noch dazu, wieder mal entspannt in einem Buch zu versinken, bin da optimistisch ♥

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  3. "The man in black fled across the desert and the gunslinger followed."
    - Stephen King, The Dark Tower

    "It is true that I have sent six bullets through the head of my best friend, and yet I hope to shew by this statement that I am not his murderer."
    - H.P. Lovecraft, The Thing on the Doorstep

    "The building was on fire, and it wasn't my fault."
    - Jim Butcher, Blood Rites

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    1. Obwohl ich persönlich nicht die Perspektive des Ich-Erzählers mag, gefallen mir Satz 2 und 3 mit Abstand am besten & machen sehr neugierig! Im Übrigen habe ich mir automatisch vorgestellt, wie du sie vorliest, haha ;D Lieben Dank für's Teilen!

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