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Die Welt, die Ohnmacht und das Schreiben

Die Seite bleibt leer, wenn man zu zweifeln hat. // Foto © fieberherz.de

Lange habe ich überlegt, einen Beitrag in dieser Richtung zu schreiben. Auch habe ich eine ganze Zeit von mir geglaubt, kein politischer Mensch zu sein. Mittlerweile kann ich nicht ignorieren, was passiert, darf dies auch nicht, wenn ich nicht die Langmut besitze, alles auszuhalten, ohne für andere Menschen und mich selber etwas einzufordern. Ähnlich kann ich nicht länger diesen Artikel hinausschieben (auch wenn der finale Anstoß dazu aus völlig unerwarteter Richtung kam). Es ist das Eingeständnis zeitweiliger Ohnmacht vor den Dingen, die passieren und dem einhergehenden Gefühl, Energie in etwas zu stecken, das nichts zur Erhellung beitragen kann. Das schlimmstenfalls, wenn es bestenfalls gelesen wird, ablenkt, eine reine Fluchtmöglichkeit ist, aber nicht hinweist auf das, was da draußen passiert.


Das ist hier kein politischer Blog, richtig. Wird es auch nie sein. Es geht hier um das Schreiben an einem Roman, die Dokumentation einer Teilstrecke persönlicher Entfaltung. Aus diesem dokumentarischen Charakter heraus muss ich mir aber eingestehen, dass mir diese Entfaltung manchmal sinnlos vorkommt. Damit meine ich nicht Kritik Außenstehender an der Wahl meines Genres – die prallt letztlich an mir ab. Vielmehr geht es um meine Position zu den Dingen und die Frage, ob ich für es für mich selbst vertreten kann etwas zu schreiben, das vom Setting her wenig mit unserer Welt zu tun hat. Schließlich könnte man auch Zeit und Gedankenkraft in Texte stecken, die echte Vorkommnisse widerspiegeln, hinterfragen. Sie fast schon hinwerfen vor den Lernwilligen und den Verweigerer gleichermaßen, ungefragt, ungeschönt. Stattdessen beschäftige ich mich hinsichtlich meines Romans hauptsächlich mit Fantasy. Einige verstehen dieses Genre als „Flucht vor der Realität“, weil es nicht explizit die reale Welt behandelt. Aber zäumen wir das Pferd nicht von hinten auf.

Ein Zwiespalt, zweifache Ohnmacht

Die Schlagzeilen der jüngsten Zeit sind geprägt von Gewalt auf unzähligen Ebenen. Von verbalen und körperlichen Attacken hin zu Entscheidungen, die die gesellschaftliche Landschaft einschneidend verändert haben oder verändern werden. Alles in diesen vorhergehenden Satz zu pressen fühlt sich nicht gut an, es wird niemandem gerecht, aber letztlich ist Berichterstattung nicht anders.

„[Der] riesige Magen der Moderne hat die Realität verdaut und alles in Gestalt einer Masse von Bildern wieder ausgespuckt.“
Susan Sontag, „Das Leiden anderer betrachten“

Egal wie detailliert ein Beitrag zu sein scheint, egal wie rasant der Informationsfluss ist zwischen dem Ort des Geschehens und dem Zuschauer/Leser im Gegensatz zu den Zeiten vor Internet, vor Fotografie – alles bleibt bruchstückhaft. Diese Ansicht bringt mich immer wieder zu zwei Problemen, die ich selbst niemals lösen kann mit beschränkter Intelligenz und beschränkter Zeit, grundlegenden körperlichen Bedürfnissen, aber auch dem Wunsch nach eigener persönlicher Entfaltung.

  1. Ich möchte alles erfassen und begreifen, was jedoch unmöglich ist, ohne sich selbst aufzugeben. Gehen wir davon aus, dass ich nie alles begreifen werde. Selbst wenn ich alles zu sehen/lesen vermag an Texten, Fotos und Videos, könnte ich mein Leben nicht gleichzeitig normal führen. Die Bruchstücke sind eine nicht zu bewältigende Masse, selbst wenn ich es aushielte, alle aufzunehmen. Wie angedeutet, ist das Verstehen aller Zusammenhänge jetzt schon ausgeklammert, obwohl es natürlich dazugehören sollte.
  2. Die Bruchstückhaftigkeit der Informationen lässt mit einigem Horror ahnen, dass es so viel mehr schlimme Dinge in dieser Welt gibt, die nicht zu mir hervordringen (von persönlicher und unbewusster Selbstzensur mal ganz abgesehen). Auf Basis der Bruchstücke, die ich zu erfassen in der Lage bin, muss alles andere genauso schlimm oder schlimmer sein. Zudem bleiben diese anderen Dinge ungehört, unbeachtet. An diesem Punkt bin ich gnadenlos überfordert, mit der Welt, mit mir selbst.

Diese beiden Aspekte führen mich an den Rand gedanklicher Ohnmacht, eine Art stille Sinnkrise. Denn ich kann nicht alles sehen, kann den Menschen weder in seiner vollen Gutartigkeit, noch Bösartigkeit erfassen – wie kann ich da von ihm schreiben? Und wenn ich schreibe, wenn ich mich schon damit abfinde, nur Teile zusammenzufügen, muss ich mich da nicht in den Dienst der Realität stellen mit dem bescheidenen Vermögen zu erzählen, zu veranschaulichen? Muss der Autor nicht der Mahner für die Gesellschaft sein? Wie kann ich als Genre nur das Gegenteil der Realität wählen, eben Fantasie/Fantasy?

Beschränktheit durchbrechen

In einem Interview auf Literaturina deutete ich an, dass ich in Fantasy sehe, von diesem Genre mittlerweile erwarte, mehr als eine Flucht vor der Realität zu sein – zumindest heute:

„[Wo] Fantasiewelten früher [als Kind] eine Flucht für mich waren, sehe ich in ihnen heute vielmehr eine weltenumspannende Metapher für Motive, die im Hier und Jetzt wichtig sind – Identitätsfindung, Liebe und Freundschaft, Mut, Hass, Glaube, Gesellschaft und so weiter.“

Dieser Gedanke ist es auch, der in meinem Kopf meist vorherrscht. Wenn ich aber wieder die Bilder entstellter Leichen sehe, die Opferzahlen im Newsticker rotieren, um letztlich tagelang immer wieder nach oben korrigiert zu werden, kehre ich zurück zu diesem unlösbaren gedanklichen Konflikt, den ich hier bereits beschrieb. Unlösbar, weil sich abzulenken, um daran nicht mehr denken zu müssen und weiter sein Leben leben zu können keine Lösung ist, sondern eine Reaktion. Wenn ich es nicht schaffe, mich davon abzulenken, und das schaffe ich mittlerweile selten durch das Schreiben, stecke ich fest in einem Konflikt mit mir selbst, in dem lähmenden Erahnen der eigenen Beschränktheit.

Diese Beschränktheit habe ich letztes Jahr versucht zu durchbrechen. Für mein Studium sollte eine Philosophie-Hausarbeit geschrieben werden über ein frei wählbares Thema.  Hier entschied ich mich für Medienethik, konkret Kriegsfotografie. Allein dieses Thema hat mich selbst und auch mein Schreiben in Bezug auf den Roman verändert. Ich habe nicht mein Genre verlassen, sondern habe es anders interpretiert. Sichtet man Dutzende von Kriegsfotos, um zu verstehen, was der ethische Konflikt bereits hinter Bruchstücken der Wahrheit ist, dann ist eine Untrennbarkeit von Krieg und Tod geschaffen. Durch Wegsehen und Ignorieren ist diese nicht mehr zu lösen. Und ja, Krieg und Tod gehörten immer schon zusammen, das ist wohl jedem klar. Aber von Krieg zu hören und die Toten dazu zu sehen, sei es auch „nur“ durch Fotos und Videos, eröffnet eine neue Dimension. Und man kann sie ebenso wenig ungeschehen wie ungesehen machen.

„[These] pictures [of war] are non-fictional, unlike the ultra-violent Hollywood movies we so readily consume or the gruesome video games we play. They document and interpret real events. How can this work possibly be meaningless or insignificant? How can we refuse to acknowledge a mere representation – a picture – of a horrific event, while other people are forced to live through the horrific event itself?“
Christoph Bangert, "War Porn"

Im Roman geht es hauptsächlich um eine Vereinigung, deren Mitglieder sich selbst als Freiheitskämpfer sehen, aber von anderen als Terroristen wahrgenommen werden. Alleine durch die Hausarbeit lernte ich, wie Menschen sterben und ihr Umfeld reagiert. Dies übernahm ich teilweise für den Roman. Weil ich für mich persönlich erkannte, dass ich, gleich welches Genre bedient wird, nicht länger von Krieg schreiben kann, ohne den Tod in Worten zu bebildern. Menschen verschwinden nicht in Rauchwolken, Menschen kippen nicht einfach nur verletzt oder sterbend um, sacken zusammen. Die Wahrnehmung eines Beteiligten ist mit Sicherheit nicht immer nur diese, andernfalls wären Posttraumata kein Thema. Ebenfalls unmöglich erscheint es mir nun, von Liebe in Zeiten brutaler Konflikte zu schreiben, wie es zum Beispiel gerne bei YA der Fall ist. Ob man nun einen bewaffneten Konflikt am Rande erlebt oder ihn selbst durch Mitwirken im wahrsten Sinne „befeuert“ – Beziehungen können sich nicht genauso entwickeln, wie in Zeiten von Frieden und Wohlstand. Um des Kitsches willen Tod und Verderben zu ignorieren, ist mir persönlich unmöglich geworden.

Keine Lösung ohne Selbstaufgabe

Die Anpassung einer fiktionalen Welt an die Härte der hiesigen ist der Mittelweg, der mir für mich persönlich einzig vernünftig und an diesem Punkt überhaupt möglich erscheint. Das bedeutet tatsächlich, dass einige Szenen hinzugekommen oder etwas brutaler geworden sind. Das bedeutet nicht, dass ich zum Subgenre Splatter übergelaufen bin – das mag ich selber nicht. Ich wollte immer noch unterhalten und nicht nonstop geschockt werden. Aber in meinem eigenen Stil und Vermögen ist der Roman erweitert, quasi realistischer geworden, insofern es der Charakterisierung und dem Plot dient.
Sich von Fantasy abzuwenden, weil die Welt da draußen gerade ein bisschen untergeht, kommt für mich nicht infrage. Eigene Interessen, also persönliche Entfaltung (hier versinnbildlicht durch das Schreiben im Genre Fantasy) aufzugeben vor dem Bösen der Zeit kann nicht richtig sein. Aus der Ausbildung der eigenen Interessen und Talente ist schließlich viel Gutes entstanden in allen möglichen Lebensbereichen. Es kann aber gleichermaßen nicht richtig sein, sich der Realität vollkommen zu verweigern (aus Autorensicht, denn die Leserschaft wird ja nun nicht diskutiert in diesem Post).  Ich müsste ein gedankenloser Mensch ohne Antrieb sein, wenn ich das Grauen in der Welt einfach ignorieren könnte. Die Welt müsste mir egal sein, damit ich vor mir selbst rechtfertigen kann, warum ich nichts in irgendeiner Weise unternehme. Aber das ist sie nicht. Also verweigere ich mich nicht, auch wenn es wehtut. Auch wenn ich immer wieder feststellen muss, dass ich immer noch näher am Wasser gebaut bin, als mir lieb ist. Dass es mir immer noch zusetzt, das Leiden und Sterben. Aber so trage ich Erkenntnisse von hier nach dort, in die fiktionale Welt. Vielleicht tropft so viel unbewusster etwas von hier in die Köpfe der Leser. Definitiv verarbeite ich damit für mich auf meine Weise, was in meiner Zeit passiert. Es wiederholt sich letztlich alles, was Menschen so tun – miteinander, füreinander, gegeneinander. Da spielt es für mich nicht länger eine Rolle, wo und wann sie etwas tun.

Damit wären wir also bei der weltenumspannenden Metapher: Fantasy kann niemals den informativen Anspruch von Sachbüchern oder sonstiger Berichterstattung aus zweiter oder erster Hand haben. Das macht das Genre aber nicht überflüssig. Wie alles andere auch, ist es ein Bruchstück. Nichts, was darin vorkommt, ist auf zwischenmenschlicher Ebene nicht schon einmal so oder so ähnlich passiert. Machtgier, Rassismus, Arm-Reich-Schere, Ideologien, die Wahrhaftigkeit für sich beanspruchen etc. pp. – es wird eine Kopie der Realität bearbeitet oder auch, wie es ja mal so schön hieß, „geremixt“. Versatzstücke, Metaphern – you name it. Nichts ist überflüssig, es ist nur, ich wiederhole mich, ein Bruchstück, das nicht jeder gleichermaßen handhaben kann oder will. Für jeden sollte aber stets das Passende zu haben sein, das sein Vermögen und seinen Willen zu Begreifen unterstützt, auch wenn der Wille mitunter nicht klar formuliert erscheint.

Schlussendlich bin ich für mich selbst ein wenig getröstet. Ich kann Zusammenhänge herstellen, die mir helfen (und ich erwarte nicht, dass sie jedem einleuchten), meine Arbeit in diesen Zeiten vor mir selbst nicht zu verteufeln. Wie gesagt, es geht nicht um die Rechtfertigung vor anderen, sondern vor meinem eigenen inneren Kritiker und dem Teil meines Ichs, das Angst hat vor der Zukunft, die sich gerade abzeichnet. Sicherlich stelle ich den Roman gleichzeitig nicht in eine Reihe mit realen Geschehnissen, Augenzeugenschaft, Berichterstattung. Alles hängt jedoch zusammen. Und nein, alles zu erfassen, dafür sind wir wohl nicht gemacht. Wobei ich mir abschließend wünsche, dass niemand wirklich gedanklich flüchtet vor der Realität, weil man Angst vor Schmerz oder angeblichem Voyeurismus hat. Und: Kein „Remix“, keine Metapher ersetzt die Realität, ebenso wenig, wie ein mediales Bruchstück keine Metapher dazu verdammen kann, ungerechtfertigt zu sein.

Kommentare

  1. Vielen, vielen Dank für diesen Post, der mir so sehr aus dem Herzen spricht. Ich sitze an meinen Manuskripten, sollte überarbeiten und neu schreiben und weiß manchmal einfach nicht ... weiß es einfach nicht mehr. Vielleicht ist dein Mittelweg einer, der auch für mich gangbar ist.

    Herzliche Grüße
    Sabine

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  2. @Sabine: Lieben Dank für deinen Kommentar – es tut gut zu sehen, dass man mit diesen Zweifeln, dieser Beinahe-Ohnmacht nicht alleine ist! Der Mittelweg ist nicht unbedingt einfach, aber eine Art und Weise, mit den Dingen unserer Zeit umzugehen. Ich hoffe, es klappt für dich, ich drücke dir die Daumen und wünche dir viel Erfolg beim Schreiben!

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