Leere fotografieren

2018/03/20

Während viele gerne Pflanzen, Menschen oder Tiere fotografieren, weckt etwas anderes mein Interesse: die Leere. Was aber ist daran so spannend für mich? Warum fotografiere ich immer wieder leere Plätze, Straßen, Gebäude? Vor ein paar Wochen war ich in Duisburg und versuche nun, es euch an diesen Bilder näher zu bringen.



Mittlerweile finde ich die Welt sehr laut, sehr bunt, sehr schnell. Gleichermaßen stark erscheint mir dabei auch der vermeintliche Zwang, dabei mitzuhalten, jede Sekunden privat oder beruflich. In diese Beobachtung schließe ich übrigens das WWW mit ein. Vielleicht verstärkt es sogar den Eindruck. Aber trennen kann ich das schon längst nicht mehr.

Meine Ruhe finde ich seit jeher im Schreiben, Zeichnen und ganz besonders beim Fotografieren. Und alle diese drei Sachen eint etwas. Na, kommt ihr gleich drauf? Ist eigentlich schon fast zu simpel. Die Leere meine ich. Den Beginn aller Dinge, die man im Begriff ist zu erschaffen. Also das weiße Blatt Papier, die leere Seite mit dem blinken Cursor auf dem PC, der unfokussierte Blick durch den Sucher der Kamera (oder eben: das Bild von Leere, so ein bisschen meta).





Leere kann etwas Negatives sein und war dies auch lange für mich. Sie stand für meine Unfähigkeit, Dinge zu beenden oder gar anzufangen. Starke Versagensängste können lähmen. Wenn sie auftauchen, bevor du den ersten Strich auf dem Papier gemacht hast, starrt das Nichts zurück. Wenn du bereits angesetzt hast und plötzlich abbrichst, sind es halbfertige Geschichten und Kreaturen, die sich vermeintlich gewichtslos an dich hängen (und eben nicht ohne Gewicht sind - manchmal werden sie von der Angst beschwert und dem bösen inneren Kritiker und erdrücken einen dadurch fast).

Je älter ich wurde, umso mehr lernte ich aber die positive Seite der Leere zu schätzen: Sie gibt Raum. Sie schreibt dir nichts vor. Sie schreit und hupt und drängelt nicht. Sie kann Ruhe sein.




Vor einigen Jahren begann ich, immer öfter Innen- und Außenarchitektur zu fotografieren, Elemente in Abhängigkeit von Brennweite und Format zu komponieren, sodass ganz abstrakte Dinge daraus wurden. Und abstrakt kann man empfinden als "beliebig", positiver ausgedrückt vielleicht aber auch wie "offen für alles". Eine abstrakte Fotografie kann von überall etwas zeigen. Fast spielt es keine Rolle, wo sie gemacht wurde.

Fotografieren von Leere bedeutet für mich also Ruhe, Teil ein geräuschlosen Ausschnitts zu sein. Gerade in Städten also sehr wahrscheinlich ein großer Kontrast zu dem, was sich um mich herum als Fotografin abspielte – eben das Stadtleben an sich. In dem Moment, wo ich auf mein Motiv scharf stelle, blende ich das aus. Und die entstandenen Bilder anzusehen holt mich zurück in diesen Moment, fast so, als wäre ich wieder mittendrin (und dabei eben wunderbar am Rande von allem anderen da draußen).








Leere ist abhängig von der eigenen Sichtweise. Ein Foto mit vielen Gebäuden ist in Sachen Objekte und Flächen sicherlich weniger leer, als eine große Wand mit einer Tür. Dann aber sind in meinen Bildern praktisch keine Menschen zu sehen. Die Farben ähneln sich, es fehlt Tiefe – ein Figur-Grund-Kontrast ist also ebenfalls kaum vorhanden. Das ist auch Leere für mich. Alles kann so verbunden sein, dass es die weiße Seite vertritt in seiner optischen Einheitlichkeit.

In Kombination mit Perspektivenwahl und dem Bildformat kann bei Motiven der Leere ein anderer Effekt eintreten, den ich als Sternenguckerin sehr schätze: das Gefühl, klein zu sein. Wenn die hektische Welt da draußen mir wieder erfolgreich eingeflüstert hat, dass ich mich 24/7 zu behaupten, zu optimieren habe, dass ich kämpfen muss wo immer ich kann, weil ich sonst nur verlieren würde – da tut es mir gut, mich klein zu fühlen. Positiv klein. Ehrfurcht einatmend vor stillem Glanz.

Alternativ bin ich die Beobachterin, nicht die, die alles vorantreibt. Klein und betrachtend, aber nicht suchend. Pro Foto lang also fast wie sitzend in einem Bahnhofscafé in einer fremden Stadt, vielleicht sogar in einem fremden Land und wissen, dass das Durchatmen gerade so wunderbar ist, während man die vorbeihastenden Menschen anschaut. Nur dass es aber dann wiederum wohl genau andersherum ist: Ich gehöre zu den Hastigen, halte inne bei diesen Bildern.  

  1. Ein sehr schönner, interessanter Beitrag. Ich finde deine Bilder toll, sehr stimmungsvoll. Wie du selbst sagst: Die Leere gibt Raum - auch zur Interpretation und einfach darüber nachzudenken, was hinter den Fenstern und Türen so vor sich geht. Gefällt mir gut.

    Ich fotografiere noch nicht so lange mit Spiegelreflex, ich suche meinen Stil noch, aber dein Ansatz gefällt mir sehr gut und regt mich zum Nachdenken über meine eigenen Bilder an :)

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  2. Hey Katie, danke für deinen lieben Kommentar, ich freue mich sehr, dass dir der Post gefällt :) Die Bilder sind übrigens zu 50% mit einfacher Digitalkamera entstanden! Und vielleicht magst du irgendwann ja auch gerne teilen, was du gerne fotografierst ♥

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