Zeig dich Zweifel, du findest mich eh

Zeig dich Zweifel, du findest mich eh

Wer kreativ arbeitet, der kennt sie nur zu gut: Selbstzweifel. Sie sind unser stetiger Begleiter, egal ob wir schreiben, zeichnen, fotografieren oder auf jede andere Weise gestalten. Oft lese ich Artikel darüber, wie diese Zweifel besiegt werden können. Und noch viel öfter lese ich Tweets darüber, wie Kreative an diesem Kampf zu Grunde gehen. Dahinter steckt meines Erachtens die absurde Idee, Selbstzweifel könnten bezwungen werden, indem man sie im Tekken-Style ins Jenseits boxt. Doch ich sehe das anders.
Wer nun auf eine Checkliste im Kampf gegen Selbstzweifel hofft, wird hier vergebens suchen. Vielmehr möchte ich meine Gedanken zum Thema und meine persönlichen Erfahrungen mit euch teilen. Es hat die Berichte vieler anderer Kreativer gebraucht, damit ich mein persönliches Rezept gegen Selbstzweifel finden konnte. Meine Hoffnung ist, dass mein eigener Bericht euch eine neue Perspektive in eurem eigenen Schaffen ermöglicht. Wo aber anfangen? Wohl am besten da, wo Selbstzweifel auftreten – bei der kreativen Arbeit.

Die Zweifel arbeiten mit und nagen an mir

Bin ich eine Expertin in Sachen Kreativität und Selbstzweifel? Nein, obwohl mir beides täglich bei meinem Brotjob (und abseits davon) begegnet. Ich bin seit acht Jahren Vollzeit als Texterin tätig und arbeite in meiner Freizeit an verschiedenen Romanen und einem Podcast. Einen Großteil meines Jobs besteht darin, mir Dinge für meine Auftraggeber auszudenken. Das bedeutet auch, immer auf der Suche nach einem ungewöhnlichen Gedanken oder einem neuen Lösungsansatz zu sein. Ein gutes Maß an Neugier hilft enorm und natürlich hinterfrage ich konstant meine eigene Arbeit. Ist die Idee, die ich hatte, wirklich gut? Erfüllt sie alle Kriterien? Habe ich die Kernbotschaft vermittelt?
Anders ausgedrückt: Zweifel helfen mir, meine Arbeit von möglichst vielen Seiten zu betrachten und sie so noch besser zu machen. Doch es fehlt nicht viel, um dieses Hinterfragen in Selbstzweifel umschlagen zu lassen. Plötzlich geht es nicht mehr darum, ob es eine bessere Idee geben oder ein Text noch besser geschrieben sein könnte. Stattdessen spürt man das Gewicht der eigenen Unfähigkeit und verteufelt sich dafür. Wenn dann noch Kollegen und Kunden* mit vernichtendem Feedback auf einen zukommen, ist das Desaster perfekt.
* wahlweise lassen sich Kollegen und Kunden auch durch Freunde, Familie, Bekanntschaften, Lektoren, Auftraggeber oder jeden anderen Kontakt ersetzen. 

Wenn die Angst sich selbst erneuert

Natürlich leidet nicht jeder Kreative automatisch an Selbstzweifeln und nicht jeder wird von ihnen gehemmt oder gar in die Handlungsunfähigkeit gezwungen. Die schiere Menge an Artikeln zu diesem Thema zeigt allerdings, dass es sie weit häufiger auftreten, als wir uns das selber eingestehen wollen. Zu oft verfallen besagte Artikel allerdings in den Imperativ und erzählen, was man alles muss, um Selbstzweifel endgültig in die Schranken zu weisen. Mein eigener Lebensweg hat mich allerdings etwas anderes gelehrt. Denn Selbstzweifel haben viele Wurzeln und es hat mir geholfen, diese zu erkunden und kennenzulernen.
Wie sieht das also bei mir aus? Meine Selbstzweifel liegen oft in der einfachen Tatsache begründet, dass ich mich in höchstem Maß mit meiner Arbeit identifiziere – und damit meine ich nicht nur die als Texterin, sondern auch als Autorin und Podcasterin. In jedem kleinen Projekt realisiere ich einen Teil von mir, denn jedes entsteht allein aus mir und meinen Gedanken. Ich sehe mich selbst als kreativer Mensch und wenn ich mich nicht als solcher empfinde, dann sind mein Selbstbild und meine Selbstwahrnehmung nicht deckungsgleich. In den Raum zwischen beiden entsteht mit einem Mal Platz für lähmende Zweifel.
Mit der Zeit habe ich erkannt, dass diese Selbstzweifel nur ein Symptom sind. Der Boden, der sie nährt und in dem sie tief verwurzelt sind, ist die Angst zu versagen. Sie allein flüstert mir ein, ich würde nichts hinkriegen. Dass das Ergebnis nicht gut sein könnte. Oder dass ich in Zukunft keine guten Leistungen erbringe, selbst wenn es gerade hervorragend läuft. Dabei sind Kreativität und kreatives Schaffen doch oft gewissen Schwankungen unterworfen. Es gibt Tage, an denen der Kopf vor lauter Ideen aus allen Nähten zu Platzen scheint. Und es gibt Tage, an denen ein weißes Blatt das größte Grauen ist. Es sind diese natürlichen Schwankungen, die die Versagensangst zu einem so schweren Gegner machen, denn er findet immer wieder reichlich Nahrung, einfach nur indem man tut, was man tut. Wie soll man mit einer Angst umgehen, die sich stetig erneuert?

Die Angst ist allgegenwärtig

Ich will ehrlich sein, zum jetzigen Zeitpunkt glaube ich nicht daran, dass man Versagensängste jemals wirklich besiegen kann. Zum einen deshalb, weil wir uns unserer eigenen Fehlleistung schmerzlich bewusst sind. Das merkt man immer dann, wenn etwas nicht geklappt hat. Die Erinnerung daran brennt es sich regelrecht ins Gedächtnis ein, während Erfolge schnell verblassen. Zum anderen haben wir einen ewigen Konkurrenzkampf, der beispielsweise auf sozialen Plattformen ausgetragen wird. Zwar bieten diese fantastische Möglichkeiten, die eigene Arbeit unter die Leute zu bringen, wie Austin Kleon in »Show Your Work« schreibt, aber sie geben auch Raum für Vergleiche. Auch die sind absolut menschlich, können uns aber auch dazu verleiten, falsche Maßstäbe an unsere eigene kreative Leistung anzulegen. Beides gießt Öl in jenes Feuer, das Angst und Selbstzweifel in uns entfachen, und wir verausgaben uns bei den Versuch, es zu ersticken.
Vielleicht kennt ihr ja dieses Gefühl, wenn man eine Weile im Flow war und dann dieser Moment kommt, in dem man einen Fehler in der eigenen Arbeit findet. Er ist wie ein Fleck auf der Kameralinse, wie ein Vertipper, der sich nicht löschen lässt. Auf einmal ist man so fixiert auf diese Kleinigkeit, dass alles andere ins Stocken gerät. Das allein kann ein bisschen Angst auslösen, wenn man zu sehr versucht, sie zu verdrängen und zu ersticken. Es funktioniert einfach nicht.
Daher habe ich ein anderes Modell gewählt. Statt des Kampfs gegen Angst und Zweifel, wähle ich die Koexistenz.

Auf der anderen Seite der Angst herrscht Frieden

Jack Canfield soll gesagt haben: Alles was du willst, ist auf der anderen Seite der Angst. Es sind große Worte, die mich schon immer schwer beeindruckt haben. Doch nachdem ich erfolglos versucht hatte, meine Ängste zu besiegen (oder zumindest für tot zu erklären), brauchte es den US-amerikanischen Designer James Victore, der Canfields Worte für mich in ein besseres Szenario übersetzte.
Er verglich die Arbeit an einem Kreativprojekt mit einem Kampf gegen einen Drachen. Man stelle sich vor, dass das, was man erreichen wollte, wie ein Schatz in einer Höhle verborgen liegt, vor der ein gewaltiger Drache schläft. Allein der Anblick treibt einem den Angstschweiß auf die Stirn. Man weiß, dass man an dem Drachen vorbei muss, wenn man den Schatz bekommen möchte. Doch anstatt sich dem Biest mit einem Schwert in der Hand zu stellen und bei den Versuch draufzugehen, kann man auch einen alternativen Weg einschlagen. Man kann leise, ruhig und beharrlich um den Drachen herumschleichen.
In diesem Sinnbild steht der Drache für die eigenen Ängste, die es zu überwinden gilt. Doch anstatt im Fight-or-Flight-Modus mit ihm zu ringen, ist der erste Schritt im Kampf gegen den Drachen, zu akzeptieren, dass es ihn gibt. Nur dann verliert er seinen Schrecken und zwingt uns nicht mehr in die Knie. Nur dann sind wir in der Lage, uns unbemerkt an ihm vorbeizuschleichen und zu unserem Schatz zu gelangen.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber für mich war diese Sichtweise revolutionär. Sie gab mir die Freiheit, nicht sofort in Aktion treten zu müssen und gegen mich und meine wilden Ängste zu kämpfen. Stattdessen lenkte ich meine Energie auf das Erkennen derselbigen. Und darauf, sie als einen Teil von mir anzunehmen. Anfangs war das alles andere als einfach, aber mit der Zeit wurde ich immer besser darin. Aus dem Erkennen wurde eine Koexistenz. Seitdem schleiche ich mich jeden Tag an dem schlafenden, schnaubenden Ding vorbei, das vor meiner Höhle liegt und meinen Schatz bewacht, und es geht mir gut damit.

Immer an das Körnchen Salz denken

Das also sind meine Gedanken zu Selbstzweifeln. Kampf statt Koexistenz. Anerkennung statt Verdrängung. Es funktioniert nicht immer, aber immer öfter. Aber weil ich eben keine Expertin bin, sehe ich diesen Artikel auf nicht als Leitfaden. Ich möchte kein weiteres »Du musst« in das Internet ergießen. Das Fabelhafte am Kreativsein ist doch, dass jeder Kreative eigene Wege und Methoden findet. Also haltet euch nicht zurück. Erzählt von euren Erfahrungen mit Selbstzweifeln und wie ihr gelernt habt, mit ihnen umzugehen. Vielleicht nehmen wir uns damit nicht nur selbst die Angst, sondern auch jemand anderem.

Dies ist ein Gastpost von Katharina von katharinajach.de ♥ Möchtest du auch einen Gastpost zu einem Thema deiner Wahl beisteuern (kein Blog dafür nötig)? Hier sind weitere Info dazu!

 

QUELLE // Foto, bearbeitet von Katharina Jach
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