Tempo, Tempo, Schreiberling!

Tempo, Tempo, Schreiberling!

Wer diesen Blog hier etwas aufmerksam liest, weiß, dass ich seit geraumer Zeit an einem Science-­Fan­tasy-­Ro­man sitze und nun zusätzlich auch an einem Ur­ban-­Fan­tasy-­Ti­tel. In der Zeit, wo ich an diesen beiden Arbeiten werkele, habe ich andere Autoren bis zu 10 Romane und zig Kurz­ge­schich­ten schreiben, Wett­be­wer­be und Pub­li­kums­prei­se gewinnen sehen.
Aber in dem vorherigen Satz liegt schon die erste große sprachliche Un­ge­nau­ig­keit: Ich sitze eben nicht die ganze Zeit an den zwei Romanen. Dazwischen lebe ich nämlich noch ein verdammt spannendes und anstrengendes Leben. Und wer meint, dass langsames Schreiben dabei doch dann auch sehr entspannt sein könnte, für den ist der folgende Post vielleicht interessant. Denn „langsam“ mag mein Tempo sein, das heißt aber nicht, dass ich glücklich damit bin. Aber es heißt auch nicht, dass jemand anderes für mich das ultimative Rezept für schnelleres Schreiben bereit halten kann (auch wenn es manche meinen).

Die nachfolgenden Punkte, die bei mir zu langsameren Schreiben geführt haben und/oder nicht dazu beitragen, sich dabei wohl in seiner Haut zu fühlen, sind völlig meiner Sicht entsprungen. Einiges, aber nicht unbedingt alles, kann auf andere Autoren zutreffen, die sich wie ich mit zusammengebissenen Zähnen winziges Stück für winziges Stück weiterkämpfen.

Das alte Ich verliert sich

Tatsächlich würde ich behaupten, dass jede Geschichte einen ganz speziellen Auslöser hat. Das ist nicht nur die Idee an sich, sondern auch persönliche und äußere Umstände, die zum Sprungbrett werden. Was beispielsweise Saint Blake betrifft, so war es eine sehr schwierige Beziehung, die mich indirekt ermutigt hat, mich durch das Schreiben wieder mehr auszuleben. Diese Beziehung habe ich lange hinter mich gebracht, der Schmerz und die Traurigkeit, die in Saint Blake geflossen sind, beides „ist Geschichte“. Aber auch das verändert eben die Geschichte, an der man schreibt. Und kann, so meine Erfahrung, das Arbeiten an eben jener Erzählung sehr verlangsamen, weil der (in diesem Falle) „natürlich bedrückte Zustand“ nicht mehr ist. Sich in sein altes Ich hineinzufühlen fällt mir persönlich schwerer, als mich in ausgedachte Figuren hineinzudenken.

Nette Tritte

Wenn dir jemand sagt „Mach hinne, ich will den Roman endlich lesen!“, klingt das oberflächlich okay, aber leider habe ich das die letzten Jahre so häufig gehört, dass es mich eher hemmt als ermutigt. Denn ich lese daraus nur noch „Du bist so langsam!“, aber nicht „Ich freue mich darauf!“. Allerdings habe ich mich nie getraut zu sagen, dass ein solches „Anfeuern“ bei mir nicht hilft, sondern nur den Druck erhöht und in meinen Ohren schlimmstenfalls herablassend klingen kann. Ich will nicht undankbar erscheinen. Wenn man also nicht entmutigen möchte, wenn man z.B. einen Langzeitschreiber anfeuern will, würde ich empfehlen, so etwas wie „Freue mich so auf den Roman! Das klingt echt spannend!“ zu sagen, weil es keine zeitliche Dimension eröffnet wie ein „Mach hinne, mach schneller, los, jetzt, jetzt, jetzt!“.

Und andere ziehen davon

Zu Beginn kannte ich einige, die ähnlich wie ich gerade mit einem Projekt anfingen. Uns einten Vorfreude und Zweifel am Geschriebenen zugleich, aber wir waren gemeinsam unterwegs. Mittlerweile kann ich grob zwei Gruppen unterscheiden: Die einen haben aufgehört mit dem Schreiben. Die anderen haben sich online zurückgezogen und auf einmal einen Roman hingelegt, ihn selber verlegt oder einen Verlagsvertrag bekommen. Und das wiederholte sich gefühlt Monat für Monat in dieser zweiten Gruppe.
Das führte bei mir zum Rückzug vor diesen Menschen, weil ich mir so schlecht vorkam, so viel „weniger wert“. Kurzum: Ich habe mich für sie gefreut, zugleich habe ich mich für mich selbst geschämt. Heute kommen diese Momente immer seltener wieder, weil ich meinen Frieden mit meinem Tempo gemacht habe. Aber ich werde nie geschützt davor sein, glaube ich.

Ratschläge „hassen“ lernen

Schreibtipps gibt es eine Menge. Besonders leicht, so mein Empfinden, fällt vielen insbesondere die eigene Auskunft zu Themen wie Schreibblockade, zum Anfangen, zur Disziplin. Vieles habe ich gelesen, gehört und war immer wieder erstaunt, wie Ratschläge über die Leben anderer gebügelt werden. Ich werde an dieser Stelle nicht noch einmal erklären, wie zeitfressend Studium und Nebenjob sind, wenn man beides ernst nimmt, mal abgesehen von Familien- und Sozialleben, Gesundheit etc. pp. Für mich ist Tatsache: Ratschläge, wie man „endlich seinen Roman fertig“ macht, haben mich kaum bereichert – erst recht nicht, wenn sie mir ungefragt persönlich reingedrückt wurden und ich dabei wusste, dass mein Gegenüber nicht einmal ansatzweise etwas über mein Leben weiß.

Panik vor neuen Ideen

Recht lange habe ich mich dazu gezwungen, an nichts anderem als Saint Blake zu arbeiten. Und als Anfang 2017 der große Bruch durch das Pra­xis­se­mes­ter kam und ich mich schlicht geweigert habe, während einer 55-­Stun­den-­Mo-­bis-­Sa-­Ar­beits­wo­che für mich sehr schwierige Kampfszenen zu schreiben, wollte ich gar das Schreiben ganz pausieren. Denn schließlich hatte ich schon immer alles für den Roman beiseite geschoben, warum sollte ich jetzt etwas anderes schreiben? Ganz im Gegenteil, neue Ideen sind ja schon tragisch genug, weil man so gerne mit ihnen anfangen wollte, sich aber anderweitig verpflichtet hat!
Diese Panik vor neuen Ideen, dem Abwenden von einem unbeendeten Roman, hat mich quasi gefangen genommen. Denn wie sieht es vor den Bloglesern aus, wenn ich einfach an etwas anderem schreibe? Letztlich habe ich mich vorerst gegen Saint Blake und für Die Asche des Prinzen entschieden und fühle mich sehr wohl damit. Denn ich weiß (und das ist doch wichtig, oder?), dass ich Saint Blake weiterschreiben werde, es ist nicht aufgehoben. Der innere Kampf war jedoch für Wochen etwas, das mich davon abhielt, überhaupt irgendetwas zu schreiben und das wünsche ich niemandem.

Was bin ich?

Wenn ich das, was ich da tue, nur vor mir selbst validieren kann, neige ich dazu, sehr, sehr kritisch zu sein. Das führt dazu, dass ich bei immer wieder an- und absteigendem Stresslevel mich mal als Autorin sehe und mich ein anderes mal nur wie ein Schreiberling fühle. Und das, obwohl ich selbst eigentlich die Ansicht vertrete, dass „Autorin“ einen Ist-Zustand benennt (der Zustand, etwas geschrieben zu haben), völlig unabhängig von Veröffentlichungen im (Eigen-)Verlag. Das lange Arbeiten an mittlerweile zwei Romanen hilft also nicht, sich selbst in dem was man tut, zu akzeptieren oder dem Geleisteten zumindest Wert anzuerkennen. Ganz abgesehen zu meiner persönlichen Meinung hinsichtlich des Begriffes „Autor*in“, empfinde ich die Schreib- und Lesewelt als „veröffentlichungsfixiert“, zumindest spiegelt sich das so für mich in Social Media wider.

Zu langsam für die ähnliche Idee

Ultimativ lange schleppt man beim langsamen Arbeiten an einem Projekt die Angst mit sich herum, dass jemand anderes eine sehr ähnlich Idee hat und sie dann (sehr wahrscheinlich) schneller herausbringt, als man selber. Das hemmt darin, sich über seine Geschichte öffentlich mitzuteilen, es hält klein, es macht vorsichtig. Es hat bei mir 3 bis 4 Jahre gedauert, bis ich in der Hinsicht entspannter wurde (ja, immer noch auf ein Projekt bezogen). Bald kommt der Roman eines Autors heraus, der im Setting sehr Saint Blake ähnelt. Vor ein paar Jahren hätte mich das völlig blockiert, am liebsten alles umschreiben lassen. Heute fühle ich mich nur ab und zu inadäquat für die eigenen Ideen und schreibe einfach weiter. Immerhin. Aber dennoch nicht schön.

Das gute, böse Socializen

Diesen Blog startete ich einstmals, um über mein Schreiben zu reflektieren und um Kontakte zu anderen zu knüpfen. Bald gesellten sich Twitter, Instagram und Facebook hinzu. Die Kontakte wuchsen tatsächlich und zeitweise machte mir das Mut, weiterzuarbeiten. Dann kam der Fall und dieser Fall kam gerne mit dem NaNoWriMo jeden November. Ich begriff, wie langsam ich schrieb und blockierte mich durch das Vergleichen mit anderen selber. Und als ich 2017 zum ersten Mal selbst am NaNo teilnahm und auch gewann, war ich praktisch die ganze Zeit offline in Sachen SoMe. Ich gewinne also den Eindruck, dass Socializen nicht unbedingt hilfreich ist. Es ist ein Zeitfresser, es ist schlimmstenfalls entmutigend ob der Erfolge anderer.
Wie ihr seht, bin ich aber immer noch da und habe mich nicht überall abgemeldet. Tatsächlich habe ich aber gemerkt, dass ich persönlich nicht beides zu 100% kann, also Roman produzieren und mich mitteilen bzw. austauschen. Problem ist aber, dass ich beides ungeheuer gerne mache. Und auch diesen inneren Kampf wünsche ich niemandem: Zeitweise konnte ich weder SoMe, noch das Schreiben genießen und fühlte mich schlecht, wenn ich eben gerade nur einer Sache nachging (weil beides gleichzeitig jetzt auch nicht wirklich möglich ist).

Am Ende möchte ich noch ergänzen: Missversteht mich nicht dahingehend, dass ich mich andauernd schlecht oder verurteilt fühlen würde. Auch trifft nicht zu, dass ich Ratschläge grundsätzlich nicht passend oder anwendbar finde. Auch freue ich mich letztlich über Anfeuern, keine Frage. Aber mit diesem Blogpost ging es mir um ein Sensibilisieren. Wir sind alle extrem individuell in Tagesablauf und Herangehensweisen und ja, es lohnt sich meiner Ansicht nach, neue Wege auszuprobieren. Ich setze persönlich immer bei mir selbst zuerst jede Kritik an, glaube aber auch, dass Verständnis von außen wichtig ist. In Summe also würde ich aufgrund meiner Erfahrung mit langsamem Schreiben appellieren: Versteckt ALLE eure Erfolge nicht, steht aber auch zu den Misserfolgen. Kommuniziert nicht in einer Sprache, die „Ultimativen“ darstellt, sondern in Ich-Botschaften, die nahelegen, dass XY ein persönlicher Weg war oder ist. Wir alle leben von den eigenen Erfahrungen und denen, die andere gemacht haben und freundlicherweise teilen. Das bedeutet aber letztlich nie, dass Perfektion möglich ist, in jeder Hinsicht.

QUELLEN // Foto mit Model

4 comments

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  1. Katie

    06/03/2018 at 19:51

    Ein sehr guter, sehr wichtiger Beitrag! Gerade dieses "mit anderen vergleichen" kann einen schnell runterziehen, egal ob es um die Schnelligkeit beim Schreiben geht, oder darum, wann, wie oft man schreibt, was man alles veröffentlicht etc. Ich habe (fast) 2 Bücher rausgebracht und ich spüre diesen enormen Druck, jetzt möglichst schnell noch irgendwas nachzuliefern. Nicht "unterzugehen". Es fiel mir nicht leicht, die Entscheidung zu treffen, mich erst mal nicht mehr als "Autorin" zu definieren. Ich, bzw. wir bewegen uns mittlerweile in einer Filterbubble, in der sehr viele Menschen sehr viel schreiben. Das sind (meistens ;) ) sehr wundervolle Menschen, aber irgendwann lähmen diese ganzen Tipps, Motivationssprüche, Writing Prompts und sie strengen mich an. Ich finde es gut, dass du darüber schreibst, dass eben jeder sein Tempo und seine "Arbeitsweise" finden muss, damit man sich vor Augen führt, dass es nicht immer nur um schneller, höher, weiter geht ;)

  2. Ulrike Skadir

    06/03/2018 at 22:13

    Das hast du mir aus der Seele gesprochen. Ich komme auch nur langsam mit meinem Projekt voran, da ich beruflich und familiär voll eingespannt bin. Auch wenn ich weiß, dass der Vergleich mit anderen sinnlos ist, kann ich trotzdem nicht widerstehen und tue mir dabei oft selber weh.

  3. Steffi | fieberherz.de

    06/03/2018 at 23:01

    Hallo Katie, vielen lieben Dank für das Feedback :D Und mit der Filterbubble kann mich auch komplett anschließen! Alles nie böse gemeint, kann mich persönlich aber auch überfordern und auch (obwohl es nicht "böse" aufzufassen ist) regelrecht einschüchtern. Aus diesem Grund fände ich einen sensibleren Umgang mit Sprache so wichtig: Wie formuliere ich meine Tipps? An wen richte ich mich damit? Gibt es wirklich DEN Tipp, der bei JEDEM funktionieren wird?

  4. Steffi | fieberherz.de

    06/03/2018 at 23:06

    Liebe Ulrike, ich freue mich, dass du dich in dem Post wiederfinden konntest :) Und was du beschreibst, ist auch wirklich das Verrückte an dem Ganzen: Man weiß, wie viel man bereits leistet in Beruf, Familie, Freundeskreis etc. und dennoch vergleicht man sich immer wieder mit Menschen, die ein völlig anderes Leben führen und oftmals fast nur ein, zwei Hobbies mit einem teilen. Man könnte es besser wissen, aber irgendwie schubst einen der nagende zweifel immer wieder in die Richtung. Wäre toll, wenn es hierfür eine perfekte Lösung gäbe… Außer "überall abmelden und in einer Hütte im Wald schreiben" (was für mich jetzt keine Lösung wäre) ist mir leider bislang auch nichts eingefallen, das man selbst mit Sofort-Effekt besser machen könnte, ach :/

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