Das Ich ohne Markt

Das Ich ohne Markt

„Sei du selbst!“ heißt es hier und da. An anderen Stellen dann aber auch spürbar, wenn auch nicht so wortwörtlich formuliert der Zusatz „Aber sei nicht zu sehr du selbst!“ Das macht irgendwo Sinn, dann wiederum auch keinen. Zumindest mich frustriert es bisweilen, weil es auf zweierlei Art nur enden kann: Entweder muss ich mich selbst, Teile meiner selbst, zurückstellen, sie schlimmstenfalls leugnen, oder ich muss mich rechtfertigen und erläutern, warum ich etwas an mir total okay so finde und um Akzeptanz bitten. Mein Ich, alles daran, hat es überhaupt je einen Markt, Interessenten, die sagen „Ja, so, so mag ich das, mit dir umgeb‘ ich mich deswegen gerne!“?

Spektrum Ich

Was ist das Ich? Für mich persönlich ist das ganz viel und sehr wandelbar, manchmal fokussiert, manchmal sehr breit aufgestellt. Damit meine ich alles, was sich auf dem Spektrum von hassen bis innig lieben befindet. Das kann ein Hobby sein, eine Erfahrung, ein Gefühl, ein Mensch, ein Tier, eine Situation, ein Informationsfetzen und so fort. Es ist alles erdenklich existierende. Und dazu zähle ich auch nicht fassbare Vorstellungen à la „Gibt es Gott/Leben im Weltraum/die perfekte politische Ordnung/etc.?“ Mein Spektrum dessen, was ich bewusst nicht mag und mag, das, was zu begründbaren Entscheidungen führen kann, das ist für mich in diesem Kontext das Ich. Das, von dem ich lange Zeit glaubte, dass es niemanden interessiert in seiner Gänze.

Von Schubladen geträumt

Was ich noch nie konnte, aber lange wollte, war, einer Gruppe anzugehören. Mich selbst in einer Schublade wähnen zu dürfen, Gleichdenkende um sich zu haben, das schien mir erstrebenswert. Individualität hat mich damals nicht interessiert. Wenn man gemobbt wird, will man nur dazu gehören, der Preis spielt dabei jeden Tag der Ausgrenzung eine geringere Rolle. Aber nirgends klappte es wirklich. Denn Zugehörigkeit verlangt gefühlt, dass man nicht versucht, über den Tellerrand hinaus zu blicken.
Als Jugendliche war ich in der deutschen Visual Kei-Szene unterwegs, war sogar DJane für japanische Rockmusik. Ich fühlte mich großartig, weil akzeptiert. Aber das Äußere war so verdammt wichtig, dass wirklich niemand das ungeschminkte Gesicht des anderen sehen wollte. Man hatte über den letzten Düsseldorf-Ausflug zu reden, Con-Hons zu füllen und jeden einzelnen Manga, der frisch auf den deutschen Markt kam, supertoll zu finden. Mein Interesse für Bücher, andere Musik, das Schreiben (insbesondere, wenn es sich nicht um FanFictions handelte), Kunst und Gesellschaft, all das fand kein Echo.

Damals erklärte ich mir dieses Ergebnis damit, dass ich aus der Szene herausgewachsen, sie vielleicht sogar niemals die richtige für mich gewesen war. Aber richtig hineinfinden in etwas anderes konnte ich seitdem auch nie. Ich war immer die, die nicht genug gleich wie jemand oder eine ganze Gruppe war. Nehmen wir mal das Beispiel einer großen Party: Ich rede eigentlich mit jedem gerne, wenn er/sie mir nicht versucht, die Welt zu erklären und überhaupt schlicht zu monologisieren. Ich mag es, unterschiedliche Leute kennenzulernen. Aber wenn ich tanzen möchte, heißt es „Ich dachte, du bist so ein Nerd-Mädchen!“, wenn ich tanzen war, heißt es „Was gehst du denn jetzt zu den Nerds?“. Kategorien überall. Und dieser innere Zwang, sich trotz der Feststellung, dass es einfach nicht funktioniert, sich irgendwie einfügen zu lassen. Für mein künstlerisches Dasein bedeutete das eine sehr lange und sehr quälende Zweifel darüber, was ich bin. Fotografin? Romanautorin? Lyrikerin? Bloggerin? Illustratorin? Grafikdesignerin? In der Regel reagieren auch immer nur bestimmte Menschen online auf bestimmte Beiträge. Und wie lange wollte ich für alles zugleich gemocht werden. Viel zu lange, denn es hat mir die Freude und den Mut genommen, mich vielfältig auszudrücken.
Meine wenigen engen Freunde kennen viele meiner Seiten, kommunizieren aber in der Regel eher mit der bzw. über die Facette, die ihnen persönlich am meisten liegt. Früher dachte ich, dass meinE PartnerIN dann doch zumindest die Person sein müsse, die alles sieht, alles abruft und wenn nur aus bloßem Interesse an meinem Wohlfühlen. Heute sehe ich das nicht mehr so, denn das halte ich für schlicht unmöglich. Denn das, was ich mir da erhofft habe, was ich mir insgeheim immer och wünsche, kann ich ja selber nicht so leisten (wenn ich den Vorwurf der Monotonie mache, grenze ich ja auch jemanden mit seinen Interessen aus). Wie kann ich es also von anderen verlangen?

Der Markt sind nicht die anderen

An dem Punkt, wo ich mich also hier gedanklich Schachmatt gesetzt habe, erfährt das Problem, dass mein Ich keinen Markt (im Sinne von Interessenten) hat, keine Lösung. Nicht sofort zumindest. Das Akzeptieren aber dann, dass niemand alle Facetten einer anderen Person wahrnehmen und „bespielen“ kann, fand ich enorm befreiend. Denn zugleich hat es mich demütiger gemacht ob meiner eigenen Unfähigkeit, „Vollumfänglichkeit“ zu leisten. Demut kann nie schaden in meinen Augen (solange man sich nicht so klein macht, dass man dadurch andere auf sich herumtrampeln lässt). Gleichzeitig habe ich meinen Fokus verschoben von dem Fordern von anderen hin zu mir selbst. Und siehe da: Meine für mich funktionierende Lösung lag so nah.

Ich bin der Markt für mein Ich.

Ich bin diejenige welche, die allem fröhnen darf, was ihr gefällt (mal vorausgesetzt bei allem, worum es hier potentiell geht, dass es niemandem schadet – klar, oder?), die nicht mit allem einverstanden sein muss. Ich muss mit mir selbst nicht politisch-taktisch klug umspringen. Ich muss nichts mir gegenüber begründen, mich nicht rechtfertigen, ich tue es. Oder andersherum – lasse es. Ich bin immer Fotografin, ich bin immer Autorin, ich bin immer Zeichnerin, immer Designerin. Nie alles zugleich, aber dann doch eben das genau immer in Personalunion. Weil ich sage, dass es mich bereichert.
Interessanterweise bedeutet das für mich zusehends auch, dass ich mich wirklich gut um mich kümmern muss. Das funktioniert nicht immer so, wie es sollte (da sind noch verwurzelte Mechanismen, die eher so self-destructive sind). Aber mit dem Ansporn, dass ich selbst meine beste Plattform bin für die Psychohygiene, die ich persönlich brauche, um überhaupt morgens aufzustehen, läuft es immer besser. Und ich genieße mehr, wer ich bin. Im Nebeneffekt sage ich vor anderen öfter, was ich denke, rechtfertige mich wesentlich weniger und habe meine Marotte, mich für die unsinnigsten Sachen zu entschuldigen, beinahe komplett abgelegt. Babysteps. Aber fast schon so leicht und voll kindlichem Entdeckungsdrang wie eine Astronautin auf dem Mond, die zum ersten Mal ihre Spuren hinterlassen darf.

7 comments

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  1. Mewa

    13/06/2018 at 18:30

    „Denn zugleich hat es mich demütiger gemacht ob meiner eigenen Unfähigkeit, „Vollumfänglichkeit“ zu leisten.“

    Erstmals: Du schreibst so unheimlich gut. (Das klingt wie eine typische oberflächige Aussage, aber ich meine es ernst)

    Zweitens: Was für ein unfassbar toller Beitrag! Ich habe auch selbst schon öfter darüber nachgedacht – in meinen Worten, habe ich mal iwo geschrieben, dass es ich anfühlt, als wäre ich nie, egal mit welchen Menschen und egal wo, 100% Ich bin, sondern würde immer nur einen deutlich wenigeren Prozentsatz erreichen. Der einzige Mensch, der mich am besten kennt, ist meine Schwester – immerhin leben wir seit ihrer Geburt zusammen und haben mehr erlebt, als je mit einer anderen Person, mal davon abgesehen das wir als „Künstler“ generell die gleichen Vorlieben und Meinungen teilen – aber sogar bei ihr habe ich mir schon hier und da gedacht, dass sie mich nicht in aller Fülle kennt/sieht.

    Besonders interessant finde ich, wie du meinst, dass Freunde und Familie dich zwar besser kennen, aber auch diese immer lieber mit einer bestimmten Facette interagieren. So habe ich das irgendwie nie betrachtet – also aus der Sicht des Gegenübers. Das er sich (bewusst) einen bestimmten (An)teil aussucht, mit dem er versucht zu kommunizieren. Ergo, machen wir das auch, nicht? Wir appellieren an eine bestimmte Seite eines Menschen und damit wissen vielleicht andere genauso wenig umzugehen, wie ich mit ihrer „Richtung“ umzugehen weiß. Das ist auf einer banalen Art und Weise so offensichtlich, dass es es sich wie eine bahnbrechende Erkenntnis anfühlt. (Wenn man den Wald vor lauter Bäume nicht sieht und so)

    • fieberherz

      13/06/2018 at 19:33

      Mewa, wie habe ich deine tollen Kommentare vermisst ♥ Und das meine ich nicht wegen deines wunderschönen Lobes, sondern weil du so aufmerksam liest und ebenso aufmerksam antwortest. Ach ♥

      Du schreibst so unheimlich gut. (Das klingt wie eine typische oberflächige Aussage, aber ich meine es ernst)
      Nyaaah, danke dir ♥

      Der einzige Mensch, der mich am besten kennt, ist meine Schwester – immerhin leben wir seit ihrer Geburt zusammen und haben mehr erlebt, als je mit einer anderen Person, mal davon abgesehen das wir als „Künstler“ generell die gleichen Vorlieben und Meinungen teilen – aber sogar bei ihr habe ich mir schon hier und da gedacht, dass sie mich nicht in aller Fülle kennt/sieht.
      Das klingt so toll! Dieses gemeinsam Erleben und die Dinge, die man teilt – ich freue mich, dass ihr beide euch habt ♥
      Ich habe meinen Bruder wirklich gern, aber wir sind unterschiedlich wie Tag und Nacht. Und das gilt streng genommen für jeden in meiner Familie, den man neben mich stellt. Irgendwie bin ich einfach sehr viel anders geworden. Mein im Post beschriebenes Gefühl, früher unbedingt irgendwo dazugehören zu wollen,, kommt da vielleicht nicht von ungefähr.

      So habe ich das irgendwie nie betrachtet – also aus der Sicht des Gegenübers. Das er sich (bewusst) einen bestimmten (An)teil aussucht, mit dem er versucht zu kommunizieren.
      So empfinde ich das zumindest, sagen wir es so. Ich habe mir einige Zeit sehr genau angeschaut, was welche Themen meiner Freunde in meiner Gegenwart sind. Zwei Mädels beispielsweise, von denen ich sagen würde, dass ich eigentlich mit ihnen „über alles reden“ kann, machen zum Beispiel immer einen riesigen Bogen um mein Studium (also erzähle ich ihnen davon nicht freiwillig). Meine Eltern wiederum bespricht mit mir fast nichts anderes als mein Studium (also erzähle ich wenig Privates). Das lässt sich prima „analysieren“, wenn man sich bewusst macht, was gerade die eigenen wichtigen Themen sind, aber nur darüber spricht, auf das der Gegenüber dich explizit bringt bzw. wonach du gefragt wirst.

      Ergo, machen wir das auch, nicht? Wir appellieren an eine bestimmte Seite eines Menschen und damit wissen vielleicht andere genauso wenig umzugehen, wie ich mit ihrer „Richtung“ umzugehen weiß.
      Das ist der Punkt, der mir geholfen hat. Ich verlange etwas, das ich selbst nicht leisten kann. Ich weiß nicht über alles Bescheid, ich höre auch nicht bei allem gleichermaßen interessiert zu und/oder stelle vertiefende Fragen. Das kann abhängig von der Tagesform sein, von meinem Interesse an dem bestimmten Thema und/oder meine Beziehung zum Erzähler/der Erzählerin. Würde ich die „Vollumfänglichkeit“ aber versuchen zu erreichen, für wieviele Menschen hätte ich Kapazität in meinem Leben, bevor ich völlig mich selbst vergesse? Der Aspekt dieser Fehlbarkeit hat für mich schon etwas Tröstliches, wenn er mich final mit anderen und mir selbst versöhnen kann.

  2. Dori

    13/06/2018 at 19:03

    Welch ein wundervoller Text 💕

    • fieberherz

      13/06/2018 at 19:38

      Danke dir, liebe Dori ♥

  3. Christine

    13/06/2018 at 20:37

    Ein interessanter Beitrag und er passt sehr gut zu der aktuellen Phase der Neuentdeckung von dir selbst.
    „Das Akzeptieren, dass niemand alle Facetten einer anderen Person wahrnehmen und „bespielen“ kann, fand ich enorm befreiend.“
    Das stimmt. Und ich denke, es ist auch wichtig zu erkennen und zu bedenken, dass man selbst auch nie alles gleichzeitig ist. Zumindest bei mir gibt es immer Phasen, in denen ich mich mehr wie das eine oder etwas anderes fühle. Ich weiß auch nicht, ob es wirklich so erstrebenswert ist, dass eine Person dich vollkommen kennt. Es ist romantisch, irgendwie. Aber auch beängstigend. Und vielleicht sogar langweilig, weil es dann nichts mehr zu entdecken gibt.
    Und zu deinen Problem, einen Begriff für dein Tun zu finden. Ich denke, hier passt einfach Künstlerin.

    • fieberherz

      13/06/2018 at 21:07

      Hallo Christine, danke erst einmal für deinen Kommentar ♥

      Und ich denke, es ist auch wichtig zu erkennen und zu bedenken, dass man selbst auch nie alles gleichzeitig ist. Zumindest bei mir gibt es immer Phasen, in denen ich mich mehr wie das eine oder etwas anderes fühle.
      Ja, das ist ja auch Teil meiner Kette von Gedanken, die mich zu dem „Ich bin mein Markt“ geführt haben. Lange Zeit aber war die stumme Anklage der Welt ODER (je nach Tagesform) das Gefühl eigener Unzulänglichkeit mein ständiger Begleiter, es hat gedauert, da hinzukommen. Aber wichtig finde ich es mittlerweile so sehr, dass ich wünschte, ich könnte in die Vergangenheit reisen und das auch meinem pubertären Ich klarmachen…

      Ich weiß auch nicht, ob es wirklich so erstrebenswert ist, dass eine Person dich vollkommen kennt. Es ist romantisch, irgendwie. Aber auch beängstigend. Und vielleicht sogar langweilig, weil es dann nichts mehr zu entdecken gibt.
      Das ist natürlich die andere Seite. Erfüllung kann auch eine langweilige Vorhersehbarkeit provozieren, an der man nicht mehr wachsen kann. Aber da mache ich mir keine Sorgen, ich werde die im Text genannte „Vollumfänglichkeit“ nie wieder versuchen zu erreichen, haha.

      Und zu deinen Problem, einen Begriff für dein Tun zu finden. Ich denke, hier passt einfach Künstlerin.
      Danke für deinen Vorschlag ♥ Allerdings glaub mir bitte, wenn ich sage, dass mir das Wort schon längst untergekommen ist und es aus Gründen nicht nutze („einfach“ ist nicht immer einfach :p). Bin da nicht mit zufrieden. Aber vielleicht ist es noch nicht an der Zeit, wer weiß.

  4. Yvprysm.

    19/06/2018 at 6:53

    Mir ging es lange so das ich dazu gehören wollte. Als Teenie, als Erwachsene. Das Schreiben war seit Kindertagen mein Steckenpferd und da dachte ich probiere ich es mal damit. Ich „gehörte“ ziemlich schnell dazu. Aber als ich die Lust am ernsthaften veröffentlichen von Büchern verlor, weil mir die Arbeit daran nicht mehr das gab, wurde ich zusehendes ins Aus gestellt. Obwohl ich immer noch der selbe Mensch mit den selben Gedanken war. Nur eben etwas anderes mit der Zeit anfangen wollte, als um eine Veröffentlichung zu kämpfen. Die Menschen waren für mich ja auch die selben. Und was geschah? Ich rutschte in eine mehr als 5 Jahre abhaltende Schreibblockade. Es sei mal dahin gestellt, ob sowas existiert oder nicht. Und da fand ich zur Fotografie. Meine Rettung. Denn sie schaffte es, dass ich auch mein Schreiben wiederfand. Nur eben, jetzt kommt es, gehöre ich nun keiner Gruppe mehr an. Am Anfang meines Blogs hat mich das sehr geärgert. Tut es ehrlicherweise heute noch. Wieso bin ich keine Autorin, wenn ich dich Texte erschaffe? Bin ich Künstlerin, wenn ich fast nur Digitales erschaffe? Bin ich eine Filmerin, wenn ich mich gegen die guten Grundsätze einer Videoproduktion wäre und einfach mache, worauf ich Lust habe?
    Und dann gibt es Tage, da frage ich mich diese Fragen nicht. Weil das Gefühl, diese eigene kleine Kunstwelt mit selbst zu erschaffen, zu befüttern und verändern einfach viel geiler ist, als sich zu einer von 1.000.000 Gruppen dazu zählen zu können. Aber allerdings ist man dann auch sehr einsam. Das muss man mögen. Und man muss sich trauen, wenn man Kontakt will. Und verstehen, dass vielleicht nicht sofort jeder Lust auf einen hat. Denn es ist schwer, zwischen Künstlerinspirartion und Menschen zu unterscheiden, die sich am Erfolg anderer hochziehen wollen.
    Mir ist Erfolg für meinen Blog oder anderer Blogs nicht wichtig. Der Inhalt zählt. Und ich finde momentan selten Blogs, die diesen Faktor erfüllen. Aber tun sie das, dann komme ich mehrer Stunden nicht los davon.

    Danke für deinen Text. Ich hoffe einige deiner Gedanken helfen am Ende auch mir.

    Liebe Grüße
    Yve

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