The Good, the Bad, the Internet

The Good, the Bad, the Internet

Der Austausch im Internet hat dazu geführt, dass ich besser weiß, wer ich bin. Dass ich mich immer wieder darin festigen, aber auch Neues lernen kann. Das ist wunderbar. Wer mir sagen will, dass das Internet durchweg böse sei, hat vielleicht noch nie in den Pausen alleine ihr/sein Butterbrot gegessen (weil ohne Clique), der/dem wurden vielleicht noch nie „nur zum Spaß“ Sachen aus dem Rucksack gestohlen und versteckt oder offen ins Gesicht gesagt, dass sie/er fett/ hässlich/ Streber/ langweilig/ you name it sei. Vielleicht hat die-/derjenige noch nie Spaß in einem Rollenspiel-Forum gehabt beim Schreiben neuer Abenteuer, Fotos ausgetauscht und besprochen, beim Chatten mehr vor dem Bildschirm gelacht als in der Schule. Aber ich kann dennoch nicht behaupten, dass auch Gutes nicht auch in gewissen Dosen giftig sein kann.

Mehr, aber gesichtslos

Das Internet ist nicht durchweg böse, behaupte ich, aber in Kombination mit einem zum Scheitern verurteiltem Streben nach Perfektion doch vielleicht Gift. Wenn ich eingelullt bin von gewachsenen Strukturen, sich aber die Wege der Kommunikation schneller ändern, als ich über mich selbst reflektieren kann, stolpere ich hastig in das Neue hinein ohne nachzudenken. Wo einstmals kommentiert wurde, wird mehr geliket. Der Zugriff auf das, was man tut wird gefühlt größer, aber gesichtsloser. Und am Anfang war es für mich ein „witziger“ Zusatz, bis ich begann, die Likes über das Persönliche zu erheben. Es ist ja auch zu verführerisch, oder nicht? Kommen Likes bei gutem Content nicht fast von alleine? Und man muss nicht auf viele Leute einzeln eingehen, sondern darf sich einfach freuen, eine Belohnung abholen, wie ich sie früher bei guten Schularbeiten bekam?

Content, der funktioniert, generiert sich nicht von alleine. Streng genommen erfordert er eine ständige Analyse dessen, was gerade gemeinhin ankommt. Die Verfallsrate funktionierender „bits und pieces“ wird immer heftiger., so mein Empfinden. Zu behaupten „Likes kommen fast von alleine“ funktioniert also nicht wirklich. Es steckt in der Regel sehr viel Arbeit dahinter. Auf Ebene von Text, Bild, SEO und was nicht alles noch. Eine Zeit lang dachte ich, dass ich diese Arbeit bereit bin zu investieren, denn ich wollte ja weiter Likes haben, nein, mehr. Immer mehr. Soviel wie die Bloggerin da oder wie der Fotograf.
Zu merken, dass man diesen Aufwand nicht leisten kann, begreifen, dass es ehrlicherweise doch das Wollen ist, das da hakt, hat mich eine Menge Zeit gekostet. Zeit, in der ich offline ging für ein paar Wochen, mich in das Analoge „flüchtete“, dorthin, wo ich herkomme. Immer wieder geriet dann so etwas wie Schuld in meine Gedanken. Weil Blog, Twitter, Instagram und Co. brach lagen für diese Zeit. Wie kann ich mich Bloggerin nennen, wenn ich nicht blogge? Wieso habe ich einen neuen Instagram-Feed aufgebaut, wenn ich nicht mehr poste?

Bist du nicht Fieberherz?

Geholfen haben einzelne da draußen, die mich aber aus dem Internet „kennen“. Denn wo ich noch damit haderte, nicht regelmäßig zu posten, aber auch vollkommen hinter dem stehen wollte, was ich online einstelle, waren sie es, die genau das an mir mögen – und mir so halfen. Unwissentlich.
Vor einigen Monaten fing es an (und ich weiß nicht einmal, wieso), dass ich bei diversen Treffen mit Autoren und/oder Künstlern, in kleiner oder großer Runde, angesprochen wurde. Von quasi mir völlig fremden Menschen, die mich aber von meinen Fotos wiedererkannten, plötzlich fragten „Bist du nicht Fieberherz?“ Am Anfang war das schwierig für mich, weil ich mich schämte, so wenig zu posten. Aber dass ich weitaus weniger online war, wurde von niemandem zum Thema gemacht. Stattdessen hörte ich Sachen wie „Ich lese deinen Blog schon so lange und so gerne!“, „Ich liebe deine Grafiken!“ und „Ich freue mich jedes Mal, wenn ich ein Foto von dir in meinem Feed sehe!“. Und immer wieder sagten sie das hier: „Ich weiß, ich kommentiere nicht so viel, aber ich mag deine Sachen supergerne und wollte dir das mal sagen!“ Auch online sind da eine Hand voll Menschen, die mir privat schreiben, was ihnen besonders gefallen hat, einfach so. Nicht „öffenlichkeitswirksam“. Und ich merke: Das ist das, was ich brauche. Das Internet. Die Menschen hinter den Accounts und ihre Gedanken. Nicht den gedankenlosen Klick kurz vor’m Einschlafen im Bett beim x-ten Durchscrollen des Feeds.
Nach und nach wurde es mir egaler, dass ich nicht in der Regelmäßigkeit postete, wie man es empfiehlt – vom Inhalt, der bei mir immer noch völlig frei Schnauze ist, mal ganz abgesehen. Weil ich an den verdammten Likes nicht messen kann, wer etwas wie von mir mag. Ich feiere alle, die mich ansprechen und anschreiben so sehr, weil sie mir (eben unwissentlich) halfen und helfen, weniger streng mit mir nach Maßstäben des schnelllebigen Internets und seiner „sozialen Regeln“ zu sein.

Aus diesem Eindruck heraus würde ich an euch appellieren: Schreibt mal wieder eine Mail. Oder eine private Nachricht. Sprecht Leute an, wenn ihr sie seht. Eines oder alles von diesen Dingen, wie ihr wollt. Teilt eure Begeisterung mit – über einen Beitrag, ein Bild, über eine Person. Ja, es gibt die Klicks, die Likes, die Herzen, die Sternchen. Aber Worte sind nicht nur da, sondern haben das ewige Potential zu bleiben.

Dieser Blogpost ist im Rahmen von Yvas Blogparade „Die 2D-Sucht oder digitaler Reichtum?“ auf YVPRYSM entstanden.

No comments yet. Be the first one to leave a thought.
Leave a comment

Leave a Comment