Das Essen meiner Kindheit hatte viel Potential, das aber leider verschwendet wurde. Das habe ich erst Jahre später so benannt, aber schon früh gesehen, wenn ich mal woanders zu Gast war: Eltern können per se ja herzlich sein, besonders beim gemeinsamen Essen, es kann erzählt und gelacht werden! Das Essen bei uns war selten so, es war meist so, als ich ein Kind war:
Morgens gibt es Toastbrot mit Marmelade, von Mama geschmiert, die seit vier Uhr morgens wach ist, weil mein Vater weder von alleine aufsteht, noch sich selbst Kaffee kocht oder essen macht. Mama ist schweigsam bis mürrisch. Mein Bruder redet morgens nicht. Ich rede, weil es unerträglich still ist. Also rede ich zuviel, schon morgens und dann noch beim Essen. Später blättere ich immer in einem Versandkatalog, das ist sicherer. Wenn ich Mama sage, dass mir etwas gefällt, freut sie sich und ist nicht mehr mürrisch und wenn es ihr auch für mich gefällt, bestellt sie es. bonding via otto und bader.
Mittagessen ist gekocht von Mama, aber es ist immer dasselbe. Es schwankt zwischen Bratkartoffeln (die ich, zugegeben, bis heute mag), Heringsdip mit Kartoffeln, irgendeiner Beilage mit Kartoffelbrei kombiniert, Nudeln mit irgendeiner Soße und irgendeinem Fleisch, Reis mit irgendeiner Soße und irgendeinem Fleisch. Nachtisch gibt es selten, eher zu feierlichen Anlässen.
Die Mutter meiner Mutter kocht alles selbst, alles, alles, da wird höchstens aufgewärmt, was eben am Vortag von ihr selbst kreiert wurde. Aber meine Mutter möchte das nicht – ich verstehe den Grund nicht. Denn Omas Essen ist immer so viel besser. Ich verstand erst später, was Care-Arbeit und Co-Abhängigkeit und Depressionen bedeuten. Der Lichtblick: Wir sind nur zu dritt beim Mittagessen, also meine Mama, mein Bruder und ich.
Das Abendessen ist der traurige Abschied vom Tag: Papa ist da, was lange schön war, aber irgendwann dazu verkam, dass keiner einen Mucks macht, ehe Papa einen machte. Das Abendessen ist Graubrot, grau wie meine Emotionen nach außen, es gibt an Belägen Gouda Alt, Schmelzkäse, Leberwurst – ich kann dieses Prinzip der Brotzeit später lange nicht verstehen. Bis ich verstand, dass es die Menschen sind, die einem beiwohnen. Die Notwendigkeit des Essens war mir fälschlicherweise eine Zeit lang lästig, wenn es bedeutet, dass ich jemand anderes sein muss bei Tisch. Eine Wunschform von Kind, das essen musste, was es nicht ändern konnte, mit denen, die sich teils nie ändern wollen würden, bis Papa nicht mehr da ist und niemand mehr Scherben und Steine isst.
Foto von Annika Wischnewsky